Verwandle dich in ein Ungeheuer
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Die Weltwoche

Verwandle dich in ein Ungeheuer

Tamara Wernli

Verwandle dich in ein Ungeheuer

Die unmögliche Balance zwischen Teddybär und Godzilla – wilde Erwartungen an die Männer.

Neulich stiess ich auf ein Video des Psychologen Jordan Peterson, in dem er – seinem mehrheitlich männlichen Publikum – den Tipp gibt, sich «ein bisschen in ein Monster zu verwandeln». Keine Angst, es geht nicht um Vollmondrituale; Peterson sagt: «Sei nicht harmlos.» Er argumentiert, dass Harmlosigkeit nicht automatisch mit moralischer Tugend gleichzusetzen ist. «Wenn du harmlos bist, bist du nicht einfach moralisch gut, sondern harmlos. Dann kannst du auch nicht gut sein, denn es braucht Stärke, um gut zu sein.» Mann solle gefährlich sein.

WALTER BIERI / KEYSTONE
Fruehlingsgefuehle an Weihnachten am Zuerichsee bei Zuerich am Sonntag, 25
WALTER BIERI / KEYSTONE

Auf den Einwand des Moderators, dass «gefährlich» doch impliziere, bereit zu sein, Leute zu bedrohen oder zu verletzen, antwortet Peterson: «Nein, du solltest dazu fähig sein, aber das heisst nicht, dass du es benutzen sollst.» Martial-Arts-Lehrer wüssten das. Der Kampfsport lehre die Kunst, gefährlich zu sein, aber gleichzeitig, sie zu kontrollieren. «Die Kombination von Fähigkeit zur Aggression und Fähigkeit zur Kontrolle; das ist die Tugend.» Heute ermutige man viele junge Männer, schwach und harmlos zu sein, das sei problematisch, weil man so den Tragödien des Lebens nicht standhalten und keine Verantwortung tragen könne – und so erst bitter und gefährlich werde.

Das ist eine interessante Perspektive. Ich finde «Monster» und «gefährlich» eine schlechte Wortwahl; Peterson weiss, was er damit meint, aber die Begriffe implizieren etwas Falsches und können leicht missverstanden werden. Ansonsten: on point.

Wenn wir harmlos sind, fehlt uns der Biss oder die Argumente oder beides.

Eine harmlose Persönlichkeit zu besitzen, bedeutet, nett und zahnlos zu sein, aber nicht aus eigener Entscheidung, sondern weil man keine andere Wahl hat. Das kommt einem im Leben nicht unbedingt zugute. Es sind uns nun mal nicht alle Mitmenschen wohlgesinnt, auch der netteste Zeitgenosse achtet auf seine eigenen Vorteile. Und manchmal begegnen wir Situationen, in denen wir uns so gut wie möglich selbst schützen müssen. Entdeckt das Gegenüber unsere Zahnlosigkeit, kann das leicht ausgenützt werden; man wird übergangen, gemobbt und ist nicht in der Lage, sich zu wehren, das gilt im Arbeitsumfeld wie im Privaten. Wir sind also darauf angewiesen, dass die Gegenüber stets anständige Menschen mit den besten Absichten sind – das macht uns aber abhängig vom Wohlwollen und vom Wesen anderer; das Schrecklichste überhaupt.

Das Streben danach, ein gewisses Mass an «Monstrosität» zu entwickeln, heisst ja auch, sich selbst nicht zu vernachlässigen oder ständig den Erwartungen anderer zu entsprechen. Es geht in Petersons Perspektive weniger darum, tatsächlich monströs, brutal oder gemein zu sein oder dass wir uns in Godzilla verwandeln und die Nachbarschaft terrorisieren oder in jedem Streit die Klauen ausfahren. Sondern vielmehr darum, bestimmte Eigenschaften oder Fähigkeiten zu kultivieren, die oft als negativ angesehen werden, aber in bestimmten Situationen sehr nützlich sein können. In Auseinandersetzungen oder Diskussionen beispielsweise kommt dieser innere Monster-Touch gelegen, um nein zu sagen und für sich selbst einzustehen. Wenn wir harmlos sind, fehlt uns der Biss oder die Argumente oder beides.

Auf jeden Fall halte ich es für eine wertvolle Eigenschaft, diese Monsterenergie in sich zu haben, aber zu wissen, sie zu bändigen. Sich einen gewissen Rest von Dominanz, von schlummernder Aggression beizubehalten und sie nur bei Bedarf herauszuholen – wie ein Superschurke mit guten Absichten –, wenn es eine Situation verlangt, um in der Lage zu sein, in zwischenmenschlichen Interaktionen bestehen zu können.

Das Ganze hat auch seine Tücken, besonders für die Herrenwelt. Auf der einen Seite leben wir in einer Gesellschaft, die Männern sagt, sie sollen nett und sanft sein, in der männliche Aggressivität als toxisch gilt und so gut wie möglich unterdrückt werden sollte. Auf der anderen Seite soll er dann aber die Furie rauskramen, in Situationen, in denen sie nützlich ist – da können schon Identitätskrisen auftreten: Bin ich nun flauschiger Teddy oder brüllendes Ungeheuer?

Vielleicht steckt die Weisheit ja irgendwo in der Mitte. Eine gesunde Balance finden zwischen Freundlichkeit, Durchsetzungsvermögen und innerer Monstrosität, um sich selbstbewusst behaupten zu können und ein ausgewogenes Selbstbild zu entwickeln, ohne die eigene Integrität zu verlieren.

 

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