Erinnern Sie sich an den Protest gegen Models, die aussahen, als würden sie drei Salatblätter am Tag (ohne Sauce) essen? Body positivity heisst die Bewegung, die ursprünglich mit dem sinnvollen Ziel gestartet war, gegen den Schönheitswahn einzutreten. Leider entwickelte sie sich in eine ungesunde Richtung, spätestens als Aktivisten forderten: «Wir möchten fette Körper sehen, alle Arten von Körpern, auf dem Cover von Mainstream-Medien!» Jeder Körper, egal, ob rundlich, stark übergewichtig oder adipös, soll gefeiert werden, so die Botschaft. Wir alle wissen: Sich selbst zu akzeptieren ist wichtig. Aber starkes Übergewicht als etwas Schönes zu promoten und dabei die gesundheitlichen Aspekte auszublenden ist wenig produktiv für den Gedanken der Selbstfürsorge.
Illustration: Fernando Vicente
Während die body positivity-Bewegung aus dem Rampenlicht verschwunden ist, taucht der nächste Trend auf, der ziemlich genau in die andere Richtung geht: die sogenannte beauty blindness challenge. Tiktok ist mal wieder die Keimzelle für diese seltsame Herausforderung, bei der Mädchen und junge Frauen andere User dazu auffordern, ihr Aussehen öffentlich zu beurteilen, und zwar kritisch. Statt sich selbst zu akzeptieren, wie man eben ist, wird jetzt offen nach den vermeintlichen Makeln gefragt, die man selbst angeblich nicht sieht – und die es dann je nachdem zu beheben gilt. Irgendwelche fremden Menschen nach ihrer Einschätzung zum eigenen Aussehen zu fragen – ja genau, was kann da schon schiefgehen?
Man muss kein Psychologe sein, um zu sehen, dass diese Challenge zum Fiasko werden kann.
Userinnen posten in ihren Videos Sätze wie: «Soo Mädels, welche Blindness habe ich? Seid ehrlich!» oder «Wie kann ich noch schöner werden?» Dabei halten sie ihr Gesicht dicht an die Kamera, drehen es nach allen Seiten, als posierten sie für ein Polizeifoto. Die Antworten sind dann meist wenig schmeichelhaft: «Das Make-up macht dich alt», «Lieber offene Haare statt dieser Frisur» oder das immer wiederkehrende Highlight: «Deine aufgespritzten Lippen – es sind immer die Lippen.»
Amüsant ist, wenn die jungen Frauen zur ehrlichen Meinung auffordern, während sie für ihre Videos geschminkt sind, Filter benutzen oder offensichtlich Beauty-Eingriffe hinter sich haben. Dann hagelt es Kommentare wie: «Warum dieser ständige duckface-Look?» Duckface, Entengesicht, wenn bei den Lippen zu sehr nachgeholfen wurde (Schmollmünder stehen auf der Wunschliste von Frauen ganz weit oben, da riskiert man schon mal eine buchstäbliche dicke Lippe).
Würde man das Ganze vom Internet weg auf die Strasse verlegen, würden diese Userinnen in den Augen der meisten Betrachter als hübsch gelten, darum wirkt es, als suchten einige einfach Bestätigung, fishing for compliments – oder aber redeten sich durch die Kritik ein, dass noch mehr Filter und Eingriffe absolut gerechtfertigt seien.
Auf jeden Fall ist Unsicherheit der gemeinsame Nenner – und gleichzeitig wird einmal mehr bestätigt, dass jungen Menschen in den sozialen Medien ein Extrem nach dem anderen um die Ohren fliegt. Man muss kein Psychologe sein, um zu sehen, dass diese Challenge gerade bei ihnen zum psychischen Fiasko werden kann. Wer ohnehin schon unsicher ist, was das eigene Aussehen angeht, wird durch die teils harten Urteile und das öffentliche Blossstellen nur noch weiter verunsichert. Wenn dann auch noch Makel bemängelt werden, die man kaum oder gar nicht verändern kann, verstärkt das den Druck. Gleichzeitig vergleichen sich die Betrachterinnen: «Wenn die schon so kritisiert werden, was soll dann erst mit mir sein?»
Menschen neigen dazu, sich zwischen zwei gegensätzlichen Extremen zu verlieren – ein Muster, das sich sowohl in der übertriebenen Selbstliebe der body positivity zeigt, bei der ungesunde Zustände glorifiziert werden und der Blick für Veränderungsmöglichkeiten verlorengeht, als auch in der Fremdkritik, der sich junge Frauen bei der neuen Challenge aussetzen, die den Fokus auf äusserliche Perfektion legt und das Gefühl von Unzulänglichkeit noch verstärkt. Inmitten von überinszenierter Perfektion, gnadenloser Beurteilung, Abwertung, Selbstoptimierung und Selbstverleugnung – befeuert durch die sozialen Medien – wird es zum besonders kniffligen Balanceakt, jungen Menschen ein gesundes Verständnis von Selbstakzeptanz zu vermitteln.

