Von der Rhetorik zur Realität
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Von der Rhetorik zur Realität

Von der Rhetorik zur Realität

Für die Finanzmärkte ist das Wirtschafts- und Gewinnwachstum letztlich weit wichtigerals die Frage, wer die US-Regierung stellt.

Die folgenden Überlegungen sind sozusagen mit Vorsicht zu geniessen und könnten sich als nicht völlig zutreffend herausstellen, weil vor den Wahlen geäusserte Pläne oft verändert werden oder wegen notwendiger Kompromisse relativiert werden müssen. Vor den Wahlen war also die Zeit der Rhetorik, nach den Wahlen kommt jedoch die Realität, der harte Alltag des politisch Möglichen, wo, wie die historische Erfahrung zeigt, oft vor den Wahlen Geplantes oder Versprochenes nicht so wie erhofft oder befürchtet umgesetzt werden kann.

Es ist durchaus angebracht, sich mit einigen republikanischen Ideen auseinanderzusetzen.

Dennoch ist es durchaus angebracht, sich nach dem Sieg von Donald Trump mit einigen republikanischen Ideen auseinanderzusetzen.

 

Tiefere Steuern, höhere Verschuldung

Angesichts der geostrategischen, technologischen und militärischen Bedrohungen durch China, Iran und Russland favorisieren die Republikaner Erhöhungen der Verteidigungsanstrengungen, natürlich auch der Nato-Partner. Zur Budgetkontrolle könnten höhere Ausgaben zur Verteidigung durch Kürzungen bei anderen Staatsausgaben etwa für alternative Energien ausgeglichen werden. Klassischerweise unterstützen die Republikaner eher die traditionellen, also fossilen Energiefirmen, was für die Sicherheit der US-Energieproduktion über vermehrte Investitionen in Öl- und Gasprojekte kein Nachteil wäre, während die Demokraten Investitionen in alternative Energien beziehungsweise partiell Subventionen und Regierungsausgaben für Solar- und Windenergie aufstocken wollten, was übrigens wie andere hohe Staatsausgaben der Demokraten die US-Staatsverschuldung in den letzten Jahren deutlich erhöht hat.

In der Handelspolitik erscheinen die von den Republikanern geplanten zusätzlichen Handelszölle weniger positiv für das Wirtschaftswachstum von Asien oder Europa als für das der USA («America first» lässt grüssen) – amerikanische Firmen haben also höhere Chancen, durch Zollerhöhungen Marktanteile zu gewinnen. Weniger bekannt, aber in den USA besorgniserregend ist die Tatsache, dass die illegalen Grenzübertritte in die USA unter Präsident Biden um über 300 Prozent zugenommen haben, weshalb die Republikaner diese natürlich begrenzen möchten. Das ist angesichts der «Billigkonkurrenz» infolge illegaler Immigration für amerikanische Bürger verständlich, kann jedoch im Agrar- oder Bausektor partiell zu weniger verfügbaren Arbeitskräften führen beziehungsweise die Löhne in diesen Branchen erhöhen, was eventuell die Inflation temporär nach oben beeinflussen könnte.

Wichtiger ist jedoch, dass vom republikanisch dominierten Kongress unter der ersten Präsidentschaft von Trump sowohl die amerikanischen Einkommens- wie Unternehmenssteuern deutlich gesenkt wurden. Das 2017 beschlossene entsprechende Gesetz, der «Tax Cut and Jobs Act», läuft Ende 2025 aus, könnte aber, wenn sich eine Mehrheit im amerikanischen Kongress dafür findet, verlängert werden. Sollte dies der Fall sein oder sogar noch eine weitere Senkung der Unternehmenssteuern beschlossen werden, wäre dies wohl ein positiver Faktor für amerikanische Aktien, da tiefere Steuern zu höheren Unternehmensgewinnen beitragen. Zudem könnte das amerikanische Wirtschafts- und Gewinnwachstum vom höheren Konsum der von weiterhin tiefen Steuern profitierenden wohlhabenderen Amerikaner nach oben beeinflusst werden. Im Gegenzug wären mögliche von Trump eventuell durchgesetzte Zollerhöhungen wachstumsbremsend, was aber vom Ausmass der Zollerhöhung abhängt.

Das US-Budgetdefizit fiel unter Joe Biden weit höher aus als in der ersten Amtszeit von Donald Trump.

Auch hier könnte der heftigen Rhetorik vor den Wahlen eine moderatere Realität nach den Wahlen folgen, also weniger extreme Zollerhöhungen. Generell können Zollerhöhungen eine Rolle für die relative Kursentwicklung regionaler Aktienmärkte spielen. Das heisst, dass bei erhöhten Zöllen chinesische oder andere asiatische und eventuell europäische Firmen gegenüber amerikanischen Aktiengesellschaften Nachteile bekommen, insbesondere wenn es ihnen nicht möglich ist, die Zollerhöhungen über Preiserhöhungen auf die Kunden abzuwälzen.

 

Potenzielle Inflation

Hier könnte sich potenziell ein allerdings wohl temporär entstehender Inflationsanstieg via Preiserhöhungen zeigen, was für Teile der amerikanischen Anleihen Kursveränderungen nach unten und Renditeänderungen nach oben auslösen kann. Ähnlich wirken könnte ein Anstieg des Budgetdefizites, falls tiefere Steuern zu weniger Staatseinnahmen führen – ausser sie würden durch Zollerhöhungen oder geringere Regierungsausgaben klar kompensiert. Es gilt hier aber klar festzuhalten, dass das US-Budgetdefizit unter Präsident Biden weit höher ausfiel als in der ersten Amtszeit von Trump.

Je nach Ausmass der noch zu bestimmenden Steuer- und Zollveränderungen sind also Renditeveränderungen bei US-Anleihen denkbar, auch da die Zinssenkungen bei geringerem Inflationsrückgang weniger deutlich ausfallen dürften. Weniger US-Zinssenkungen könnten auch durch ein stärkeres Wirtschaftswachstum dank tieferen Steuern verursacht werden, was insgesamt für den US-Dollar mittelfristig wohl einen Vorteil darstellen würde über mehr Wachstum- und Zinsdifferenz gegenüber europäischen Ländern, insbesondere der Eurozone.

 

Rezessionen sind entscheidender

Insgesamt ist also denkbar, dass amerikanische Aktien je nach Details der kommenden Gesetzgebung sowohl gegenüber amerikanischen Staatsanleihen als auch gegenüber Aktien der Eurozone oder Asiens unter einem Präsidenten Donald Trump relativ bevorteilt werden können ganz im Sinne der «America First»-Politik.

Je nach Veränderung der Aussenpolitik mit vielleicht deutlicheren Worten und Taten, zum Teil aber sicher auch überraschenden Wendungen im Sinne des deal maker Trump, der Abkommen sucht, welche den Interessen der USA entgegenkommen, könnten bei wohl höherer Volatilität in Zukunft diversifizierende Anlageklassen wie die Privatmarktanlagen, Gold oder andere Rohstoffe wie Öl, Uran und eventuell Kryptoanlagen wie Bitcoin in der Folge eine höhere Nachfrage sehen.

Innerhalb der Aktienbranchen kommt es auf die Veränderung der Regulierung in den USA an. Traditionell sind die Republikaner, wie die historische Erfahrung besonders unter Ronald Reagan gezeigt hat, für weniger Regulierung, was den Firmen der Technologie, Finanz- und Energiesektoren oder der Verteidigungsindustrie oft mehr geholfen hat als Firmen im Bereich der alternativen, nichtfossilen Energien.

Wenn man historisch betrachtet, wie US-Aktien unter republikanischen oder demokratischen Präsidenten abgeschnitten haben, sieht man, dass es weniger auf die Regierungspartei als auf die Frage ankam, ob es in der Amtszeit eine Rezession gab oder eben nicht. Für die Finanzmärkte ist letztlich die generelle Entwicklung der Wirtschaft historisch weit wichtiger als die regierende politische Partei.

Es wird nun bedeutsam, zu sehen, ob die Realität des politischen Alltags der Rhetorik des Wahlkampfs auch wirklich folgt beziehungsweise folgen kann. Es bleibt daher weiterhin spannend an den internationalen Finanzmärkten.

Gérard Piasko ist Chief Investment Officer bei der Privatbank Maerki Baumann in Zürich. Er wurde bekannt durch frühzeitige Warnungen vor den Finanzmarktkorrekturen 2000, 2008, 2011 und 2022 und gehört mit über dreissig Jahren Praxis zu den erfahrensten Anlageexperten der Schweiz.

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