Die Angst vor Klimamigration war schon um 2025 verfehlt. Die Anpassung an die damals drohende Klimaerwärmung bis 2100 von 3 bis 3,5 Grad (gerechnet ab 1870) war weit einfacher und billiger als die anvisierte Reduktion der CO2-Emissionen. Dies galt umso mehr, als die weltweite Erwärmung bis 2025 ja schon 1,5 Grad betrug und so nur noch 1,5 bis 2 Grad ausstanden – weniger als der Unterschied zwischen Basel und St. Gallen. Zudem reichte es für die meisten Klimageschädigten völlig aus, an einen anderen Ort im eigenen Land statt in ein fremdes Land zu wandern. Klimawanderung war deshalb vor allem Binnenwanderung und verglichen mit der Wirtschafts-, Gewalt- und Demografiemigration unbedeutend.
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Familien- und kinderfeindlich
Heute, 2065, wissen wir mehr. Nachdem die Fertilitätsraten in den entwickelten Ländern schon lange unter den für eine stabile einheimische Bevölkerung notwendigen 2,1 Kindern pro Frau lagen, schrumpften sie in den 2020er Jahren weltweit: in Europa auf 1,2 Kinder um 2025 und bald auf 1,05. Heute kennen wir die drei Hauptgründe dafür.
Erstens: Das «Idealbild», dass Mann und Frau hochqualifizierte Arbeit leisten und dafür global mobil sein sollen, ist absolut familien- und kinderfeindlich. Zweitens: Die Kombination von Bevölkerungsschrumpfung und Personenfreizügigkeit brachte eine Massenwanderung von den unter Bevölkerungsschrumpfung besonders stark leidenden wirtschaftlich schwächeren Regionen in die stärkeren Regionen. So wurde es sowohl in den sich krisenhaft entleerenden und den sich krisenhaft füllenden Gebieten immer unattraktiver, Kinder zu haben.
Drittens brachten sehr teure, aber völlig ineffektive Fertilitätspolitikstrategien immer höhere Steuern, was es immer mehr Menschen unmöglich machte, Kinder zu haben. So herrschte dann bald fast weltweit die «Drittelregel»: Je ein Drittel der Frauen hatte kein Kind, ein Kind oder zwei Kinder; und fast keine hatte mehr als zwei. Das ergab im Durchschnitt 1,05 Kinder statt 2,1. Damit halbierte sich die Jahrgangsgrösse innerhalb 35 Jahren. So werden dann um 2030 aus 1000 Frauen 500 Mädchen und daraus bis 2135 nur noch 62,5 Mädchen.
Die Bevölkerungsschrumpfung schadete der Wirtschaft insgesamt nicht. Denn es gab ja immer mehr Roboter, die von Menschen kaum zu unterscheiden waren und deshalb ein R-Zertifikat auf der Brust tragen mussten. Die Schrumpfung war nur ein Problem für Weltmachtträumer. In den USA wurde 2036 eine Präsidentin gewählt. Ihr Schlachtruf war «MAFIA – Make America Fertile and Intelligent Again». Frauen sollten nicht einfach 1,05 Kinder haben, sondern dank pränataler Selektion durchschnittlich 1,0 (gemäss Studien intelligentere) Mädchen und 0,05 Buben. Das hätte der USA eine konstante und intelligentere Bevölkerung und so die Weltmacht gebracht. Tatsächlich kam es anders. Das Programm brachte nur ein Geschlechtsverhältnis bei Geburt von 2:1 statt 20:1 – aber eine gewaltige Abwanderung von wirklich intelligenten Frauen und eine Zuwanderung von weniger intelligenten Männern.
Auch in den meisten Entwicklungsländern sank die Fertilität schnell unter 2,1. So wurde der Klimawandel weiter verlangsamt und es gab immer weniger Menschen, die unter dem Klimawandel litten. So war dann für die Menschen fast alles gut. Aber was war mit den armen Tieren, litten nicht wenigstens sie unter der Hitze? Nein. Für die meisten Tiere waren die Vorteile aus dem Schrumpfen der Menschheit und so der tieferen Umweltbelastung sowie der Ausdehnung ihrer Lebensräume weit wichtiger als die Nachteile durch den Klimawandel.
Reiner Eichenberger ist Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Uni Fribourg und Forschungsdirektor des Center for Research in Economics, Management and the Arts (CREMA).

