Warum ich Gott sei Dank kein Geld habe? Die Antwort auf diese Frage lautet kurz und erschütternd: weil ich es sofort aus dem Fenster werfen würde. Und so habe ich mich ganz bewusst schon in frühen Jahren gegen eine Karriere als Head of International Treasury Operations, Executive Director of Capital Allocation oder Global Chief of Acquisitions Advisory Services entschieden und bin Schriftsteller geworden.
O.J.
Auslöser dafür war das Bild von Carl Spitzweg, «Der arme Poet». Das wohlbekannte Motiv: In einem maroden Estrichzimmer liegt auf einer Matratze ein ausgemergelter Mann mit einer Schlafmütze auf dem Kopf und einer Schreibfeder im Mund, offensichtlich der arme Poet; auf seinen Knien befindet sich ein Manuskript; schreiben tut er freilich nicht, nein: Er starrt auf etwas zwischen Daumen und Mittelfinger seiner rechten Hand. Etwas Unsichtbares. Etwas, das nicht da ist. Das Nichts.
Gnostisches Schauern
Das Nichts. Es ist der Schlüssel! Denn in diesem Nichts ist alles. Und das weiss der arme Poet. Darum wird er auch sein Manuskript nicht mehr anrühren und keinen einzigen Buchstaben mehr zu Papier bringen. Er ist erleuchtet: In seinem Kopf ist NICHTS (also das Allerwunderbarste, das in allen Aspekten nur schlechter werden kann, wenn es sich manifestieren würde).
Wenn also nicht nichts – dann das Überflüssige im Übermass. Ja, das machte total Sinn!
Ein gnostisches Schauern durchfuhr mich, als ich diesen Mann zum ersten Mal sah. Er sollte zu meinem Leitstern werden. Und so wurde ich Poet wie er. Aber ich schaffte es einfach nicht, NICHTS zu Papier zu bringen, obwohl ich diesbezüglich wirklich alles versuchte. Achtzig Rappen verdiente ich pro verkauftes Exemplar meines ersten Buches. Mein Plan war schiefgegangen.
Was tun? Nun: Vielleicht konnte mich eine Erkenntnis von Voltaire retten: «Le superflu, chose si nécessaire». Das Überflüssige, etwas so Notwendiges. Wenn also nicht nichts – dann das Überflüssige im Übermass. Ja, das machte total Sinn! Und so fing ich an, mein Geld wie besessen für mechanische Armbanduhren mit vollkommen nutzlosen Spezifikationen auszugeben. Niemand braucht heutzutage mehr eine mechanische Uhr. Schon gar nicht zwei oder drei oder zehn davon. Aus tegimentiertem U-Boot-Stahl. Mit Ar-Trockenhaltetechnik-Kapseln. Deren Gehäuse mit Öl gefüllt sind, damit man aus jedem Winkel die Zeit abzulesen vermag. Und mit denen man 5000 Meter tief tauchen kann. Ich bin noch nie tiefer als fünfzig Zentimeter getaucht und plane generell nicht, irgendein Körperteil jemals wieder offenem Gewässer auszusetzen (nur schon das eine Mal mit den fünfzig Zentimetern war ein Fehler gewesen).
Mit meiner Uhrenhorterei war ich auf dem goldrichtigen Weg. Als Idealschöpfung kristallisierte sich irgendwann das Modell H9 des eidg. dipl. Uhrmachermeisters Beat Haldimann heraus. Diese Uhr zeigt nämlich gar nichts an. Ein pechschwarz beschichtetes Saphirglas verbirgt den Blick auf alles. Die Uhr ist ein schwarzes Loch. Mit einem Preis von 199 000 Franken ist dieses Nichts dann leider doch zu teuer für mich (obwohl ich das nicht gerne zugebe).
Xolo-Welpen – die schnappe ich mir!
Dafür legte ich mir einen mexikanischen Nackthund zu, auch er schwarz wie die Nacht und auf der Überflüssigkeitsskala ebenfalls sehr weit oben (oder etwa nicht?). Fleissig frisst er mir das letzte Haar vom Kopf. Von Voltaire gleichsam zum Sammeln verurteilt, denke ich Tag und Nacht an die Anschaffung weiterer mexikanischer Nackthunde (Xolos genannt). Von meiner Züchterin habe ich erfahren, dass gerade der H-Wurf auf die Welt gekommen ist und fünf Xolo-Welpen ein Zuhause suchen, namentlich Hernando, Héctor-Luis, Hermenegildo, Hula-Hula und Hermosa. Die schnappe ich mir! Danach habe ich Gott sei Dank effektiv kein Geld mehr. Und das soll auch so bleiben.
Deshalb mein flehentlicher Aufruf: Hört bitte endlich auf, meine Bücher zu kaufen! Das gilt vor allem für dich, Mama!

