Warum sind so viele Frauen links?
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Die Weltwoche

Warum sind so viele Frauen links?

Tamara Wernli

Warum sind so viele Frauen links?

Ein Gespräch mit dem Historiker Markus Somm über die grosse Liebe vieler Frauen zum Vater Staat.
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Studien zeigen, dass Frauen im Schnitt häufiger politisch links stehen, besonders Akademikerinnen. Mit klassisch liberalen Werten wie Eigenverantwortung, individueller Freiheit, Leistungsprinzip, Wettbewerb und einem schlanken Staat scheinen viele nicht warm zu werden. Stattdessen begeistern sie sich für einen stark fürsorglich auftretenden Staat als Regulierer, Beschützer und verlässlichen Begleiter.

Illustration: Fernando Vicente
Mehrere tausend Menschen demonstrieren mit Transparenten und Plakaten am Frauenstreik in Basel, am Samstag, 14
Illustration: Fernando Vicente

Laut dem Historiker Markus Somm ist der Liberalismus tendenziell eine männlich geprägte Ideologie. Klassisch liberale Werte orientieren sich stärker an männlichen Erfahrungswelten, während Frauen häufiger Gemeinschaft, Fürsorge und Ausgleich priorisieren (und besonders Wettbewerb häufig skeptisch betrachten, was vielerorts augenfällig sei). Ihre Fürsorglichkeit sei nicht nur anerzogen, sondern auch biologisch verankert, weshalb Frauen stärker auf vermeintlich gemeinschaftliche und soziale Lösungen setzten. Über den Grossteil der Menschheitsgeschichte hätten Frauen primär Familie und Kinder versorgt – besonders jene, die mehr Unterstützung benötigten. «In der Familie findet letztlich eine Umverteilung statt», sagt er. «Man weiss, dass Kinder unterschiedliche Talente und Fähigkeiten haben, und gleicht entsprechend aus. Viele Frauen haben diesen Ausgleich über Jahrtausende praktiziert.»

«Sich kümmern liegt im Wesen der Frau – ohne eigene Kinder scheint dieser Impuls noch stärker zu sein.»

«Übertragen Frauen also das, was sie im familiären Umfeld leben, auf Gesellschaft und Politik?» – «Tendenziell, ja.» – «Warum halten dennoch so viele am Ideal der Gleichheit fest? An der Vorstellung, Unterschiede liessen sich durch Gleichstellung letztlich aufheben, obwohl das nie möglich sein wird, weil Menschen unterschiedlich sind, mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Stärken und Grenzen?» – «Das ist eine gute Frage, ich verstehe es auch nicht. Frauen haben in der Familie im kleinen Raum ein feines Gespür dafür, wann Ausgleich unter den Kindern nötig ist und wann nicht – wann Ungerechtigkeit vorliegt und wann nicht. Kinder mit besonderen Talenten halten sie nicht extra zurück. In der Politik ist das anders.»

Gemäss Somm könnte es am Erfahrungsunterschied liegen: Männer sind schon länger politisch aktiv, Frauen noch relativ neu. Möglicherweise wenden sie viele der in der Familie gelebten Praktiken und Werte intuitiv auf die ganze Gesellschaft an. «Ich glaube auch, dass ein weiterer Faktor eine Rolle spielt», ergänzt er. «Viele kinderlose Frauen sind in der Politik tätig und geben dort oft den Ton an, vor allem auf der linken Seite. Teilweise wirkt das auf mich wie ein kompensatorischer Impuls. Sie leben ihre Fürsorge in der Politik aus. Man sieht das etwa in der Asylpolitik, wo linke Frauen besonders nachsichtig mit straffälligen Migranten umgehen und sich um sie kümmern möchten – etwas, das Männer deutlich seltener tun. Sich kümmern liegt ohnehin im Wesen der Frau, und ohne eigene Kinder scheint dieser Impuls noch stärker ausgeprägt zu sein.»

Die Fragen, die mich als Frau besonders umtreiben: Warum vertrauen viele linke Damen dem Staat mehr als den Männern selbst? Warum setzen sie auf Establishment und Verwaltung als Problemlöser statt auf klassisch männliche Stärken wie Durchsetzungsvermögen, Handlungsorientierung oder Schutzbereitschaft? Dabei müsste doch klar sein: Der Staat löst unsere Probleme nicht – oft verschärft er sie sogar. Umgekehrt gilt: Ohne Männer geht gar nichts. Wer gesellschaftliche Herausforderungen angehen will, muss beide Geschlechter einbeziehen, statt das männliche für alle Übel der Welt verantwortlich zu machen. Wann genau begann diese Verschiebung?

 

Lange war es die Aufgabe der Männer, die Frauen physisch zu beschützen», sagt Somm. «Heute entfällt diese Rolle; die physischen Gefahren sind weitgehend verschwunden, auch der Mann als Familienoberhaupt wird vielerorts kaum noch geschätzt. Etwa zum selben Zeitpunkt haben viele Frauen diese Aufgabe dem Vater Staat übertragen. Für mich ist das eindeutig: Sie wollen nicht mehr, dass Männer sie beschützen – der Staat soll sie beschützen. Seit der Emanzipation wird die männliche Rolle oft nur noch als toxisch oder problematisch gesehen. Also kompensiert man über den Staat. Ich finde das etwas einfältig. Es wäre klüger, sich wieder mit den Männern zu verständigen und zu vertragen, statt ständig den Staat zu rufen.»

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