Was wird aus unseren Kindern?
Suchbegriff

Die Weltwoche bietet tägliche Analysen, exklusive Berichte und kritische Kommentare zu Politik, Wirtschaft und Kultur.

Konto Anmelden
Abonnemente
Jedes Abo eine Liebeserklärung an die Meinungsvielfalt.
AboDigital
Für alle, die Online lesen wollen
Alle Artikel online lesen
E-Paper inklusive
App (iOS & Android)
AboPrint & Digital
Printausgabe & digital jederzeit dabei
Wöchentliche Printausgabe
Alle Artikel online lesen
E-Paper inklusive
App (iOS & Android)
Sind Sie noch nicht überzeugt? Details zu den Abos
Die Weltwoche

Was wird aus unseren Kindern?

Was wird aus unseren Kindern?

Soziale Medien, künstliche Intelligenz und die Frage der Erziehung: Ein Leitfaden für überforderte Eltern.

Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr, witzelte schon Wilhelm Busch, der Erfinder der Lausbubengeschichten von «Max und Moritz». Dasselbe gilt natürlich auch für die Mütter – und es gilt heute vielleicht mehr denn je, wo die Leitplanken religiöser und weltlicher Autoritäten demontiert sind, wo oft schon Kleinkinder Kontakt mit Sozialen Medien haben, wo vielfach beide Elternteile erwerbstätig sind und wo in zahlreichen Schulklassen von zwanzig Kindern höchstens noch zwei oder drei Deutsch sprechen.

Die Weltwoche; Bild: Albert Anker — Zwei schlafende Mädchen auf der Ofenbank, 1895/Kunsthaus Zürich/Wikipedia
Talent setzt sich durch.
Die Weltwoche; Bild: Albert Anker — Zwei schlafende Mädchen auf der Ofenbank, 1895/Kunsthaus Zürich/Wikipedia

Obwohl es uns materiell so gut geht wie keiner Generation zuvor und obwohl, oder gerade weil, unseren Kindern, Mädchen wie Buben, so viele Möglichkeiten offenstehen wie nie, stehen Eltern vor ungeahnten Herausforderungen. Wie sollen wir damit umgehen? Welche Jobs wird es dereinst für ihre Töchter und Söhne noch geben? Was macht die ständige Nutzung von Smartphones und digitalen Geräten mit der Generation «Kopf unten»? Wie reagiert man am besten auf die Irrungen und Wirrungen von Pubertät und Geschlechtsidentität? Kann man die Kinder überhaupt noch in öffentliche Schulen schicken, oder sollte man sie in privaten Reservaten aufwachsen lassen? Ohne zu meinen, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, suchen wir nach Antworten, denen gerne auch widersprochen werden darf.

 

Hilfe, mein Sohn ist handysüchtig! _ Smartphone und Soziale Medien haben die Welt von Kindern und Erwachsenen radikal verändert. Soll man den Nachwuchs einfach machen lassen? Oder soll man den Handykonsum regulieren? Manche Schulen und Behörden, wie der Kanton Nidwalden, setzen auf Verbote. Sie können sich dabei auf prominente Vorbilder stützen. Ausgerechnet der verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs, Google-Chef Sundar Pichai oder Snapchat-CEO Evan Spiegel schützten ihre Kinder vor der digitalen Reizüberflutung. Sie müssen es wissen.

Welche Jobs wird es dereinst für ihre Töchter und Söhne noch geben?

Die negativen Folgen sind denn auch offensichtlich: Konzentrationsschwierigkeiten, Vereinsamung, Kontakt mit unangemessenen, nicht altersgerechten Inhalten, abdriften in die Abgründe des Internets. Jugendliche, die pausenlos online sind, verlören die Freude am Leben, sagt Oliver Bilke-Hentsch, Chefarzt an der Luzerner Psychiatrie und Präsident der Vereinigung Kinder- und Jugendpsychiatrischer Chefärzte und Chefärztinnen. Den Algorithmus von Tiktok vergleicht er mit dem sympathischen Kellner eines Lieblingsrestaurants: «Er spendiert dir den feinen Grappa vom letzten Mal, obwohl du schon genug getrunken hast. Aber er weiss, dass du nicht nein sagen kannst.»

Auf der anderen Seite ist nicht zu leugnen, dass Kinder und Jugendliche dadurch auch neue Fertigkeiten erlernen und neue Welten entdecken. Die Digital Natives sind besser gewappnet für die Herausforderungen künftiger Arbeitswelten. Nüchtern betrachtet, ist es doch so: Das Handy an sich ist weder gut noch böse. Wir plädieren deshalb auch hier für Technologieoffenheit: Wir können diese Entwicklung so wenig stoppen, wie unsere Vorfahren die Eisenbahn oder das Automobil aufhalten konnten. Aber wir können unsere Kinder zu einem massvollen, verantwortungsbewussten Umgang damit anleiten.

Noch nie ging es einer Generation so gut – und noch nie fühlte sie sich so schlecht.

Dabei müssen wir uns auch selbst an der Nase nehmen: Surfen wir nicht oftmals lieber im Netz herum, wenn wir von der Arbeit nach Hause kommen, als mit den Kindern zu spielen oder ihnen ein Buch vorzulesen? Vorleben statt predigen ist ein pädagogischer Grundsatz, der auch im Handy-Zeitalter seine Gültigkeit bewahrt.

 

Strenger Zuchtmeister oder bester Freund? _ Im Fluss sind längst auch die Erziehungskonzepte. Wie bei so vielen Phänomenen ist auch hier eine Pendelbewegung zu beobachten. Nach dem Laisser-faire der antiautoritären Erziehung rufen manche wieder nach Zucht und Ordnung. Sicher ist: Weder zu Hause noch in der Schule haben die Kinder Respekt vor Erwachsenen, die alles geschehen lassen. Generationenforscher Rüdiger Maas kritisiert die anbiedernde Haltung mancher Eltern: «Sie verstehen sich nicht mehr als Erziehungspersonen, sondern als beste Freunde der Kinder. Damit verkennen sie ihre Rolle.»

Wirkungsvolle Pädagogik war immer schon mit natürlicher Autorität verbunden. Wie viel Freiheit und Geborgenheit und welche Grenzen ein Kind benötigt, ist stets auch eine individuelle Frage. Man kann nicht alle über einen Kamm scheren.

 

Verwirrung an der Geschlechterfront _ Der Befund ist paradox: Noch nie ging es einer Generation so gut – und noch nie fühlte sie sich so schlecht. Kinder- und Jugendpsychiatrien sind am Anschlag. Immer mehr Schüler nehmen den schulpsychologischen Dienst in Anspruch. «Wir verzeichnen eine zunehmende Inanspruchnahme unserer Beratungen für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten in der Schule», sagt Matthias Obrist, Leiter Schulpsychologischer Dienst der Stadt Zürich. Ein Heer aus Sozialarbeitern, Heilpädagogen, Psychologen kümmert sich um ihre Probleme und Problemchen.

Ein neues Phänomen, das betroffenen Eltern Kopfzerbrechen bereitet, ist die Verwirrung an der Geschlechterfront, die teilweise von queeren Aktivisten auch direkt an den Schulen gestiftet wird. Erschwerend kommt hinzu, dass Schulleitungen Eltern absichtlich aussen vor lassen. Konfrontiert mit einer solchen Situation, sollte man unbedingt darauf bestehen, dass keine Massnahmen ohne Einbezug und Einwilligung der Eltern vorgenommen werden. Man sollte auch nicht überreagieren: Ein gewisses Mass an Unsicherheit, Orientierungslosigkeit ist in der Pubertät normal. Junge Menschen probieren Dinge aus, erkunden Grenzen, um herauszufinden, wer sie sind. Doch wenn es so weit geht, dass sie nicht mehr zu wissen glauben, in welchem Körper sie stecken, ist psychologisch-psychiatrische Betreuung gefragt.

 

Öffentliche oder private Schule? _ Die Volksschule gehört zur modernen Eidgenossenschaft wie der Fünfliber mit Wilhelm Tell: Sie ist eine Errungenschaft, die den Aufstieg aus dem Armenhaus in den Alpen zu einem der reichsten Länder der Welt mit ermöglicht hat, so, wie sie die soziale Mobilität des Einzelnen möglich macht. Doch sie hat gelitten, und sie leidet fort. Ein Spiegel der Gesellschaft, ist sie überfrachtet von Ideologie, und sie muss die Folgen einer unkontrollierten Masseneinwanderung ebenso ausbaden wie das vielerorts bestehende Erziehungsvakuum zu Hause.

Die Frage, die sich Eltern immer dringender stellt, lautet deshalb: Staats- oder Privatschule? Kann man die Kinder noch guten Gewissens in die öffentliche Schule schicken, wenn man in Schlieren oder in Wohlen oder an immer mehr Orten in diesem Land wohnt, wo der Ausländeranteil in den Klassen gegen 100 Prozent tendiert? Bei allen Schwierigkeiten gilt auch hier: Noch ist die Volksschule nicht verloren, und sie braucht die Konkurrenz durch die privaten nicht zu fürchten. Wettbewerb belebt das Geschäft. Talent setzt sich durch, hier wie dort.

Es muss nicht immer das Gymnasium sein _ Politiker rufen es mit dem Megafon aus: Die Maturaquote muss steigen! Eltern trimmen ihr Kinder von der Krabbelgruppe an auf eine akademische Karriere. Man kann darin natürlich das Positive sehen: Sie wollen das Beste für ihre Kinder und unternehmen oftmals alles dafür, ihnen eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Doch der Wettlauf um einen Platz im Gymnasium kann auch verbissen und verfehlt sein. Die bekannte Bildungsforscherin Margrit Stamm rät davon ab, die Kinder regelrecht in die Eliteschulen zu drücken. Die Förderwut mache unglücklich.

Überhaupt beneidet die Welt die Schweiz um ihre Berufslehre mit dem dualen Bildungssystem. Entspanntheit bei der Laufbahnwahl ist auch deshalb angesagt, weil die Institutionen flexibel und durchlässig geworden sind. Handwerk hat, gerade in Zeiten von KI und Digitalisierung, nach wie vor und erst recht wieder einen goldenen Boden. Auch ist es gesellschaftlich gesehen kaum wünschenswert, dass immer mehr Akademiker in die Verwaltung drängen und so die Bürokratie aufblähen. Hinzu kommt, dass viele Universitäten dem eigenen Anspruch längst nicht mehr gerecht werden, Labore des freien Denkens und Redens zu sein. Michael Meyen, Kommunikationswissenschaftler und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, stellt fest: «Viele Studenten haben keine Lust mehr, die Gegenseite zu hören. Sie wissen, was ‹richtig› ist.»

Aber ob man nun eine Lehre absolviert oder studiert, die Erfahrung lehrt: Man soll das machen, was man gut und gerne macht. Der Erfolg kommt dann von selbst.

 

Raubt KI den Kindern den Job? _ Die Berufswahl stellt Kinder und Eltern vor Herausforderungen. Nur wenige Vierzehn-, Fünfzehnjährige wissen auf Anhieb, was sie werden wollen. Bewährt haben sich da die Schnupperlehren. Lehrer und Berufsberater raten: So viel wie möglich schnuppern, auch ganz Verschiedenes, nur so erfährt man, was einem gefällt oder nicht.

Wer jung lernt, mit KI umzugehen, eignet sich Fertigkeiten an, die ihm in der Zukunft Türen öffnen.

Ausserdem: Die Kassandrarufe, denen zufolge durch die künstliche Intelligenz Massen von Menschen überflüssig werden, sind übertrieben. Natürlich wird sich vieles ändern, aber die Menschheit wird das überleben. Gerade Leute, die mit Händen arbeiten, wird es immer brauchen. Auch im sozialen Bereich wird die Nachfrage gross bleiben. Die bedürftige Grossmutter etwa wird sich auch in Zukunft lieber von echten Menschen pflegen lassen, statt von einem Roboter. Und wer schon jung lernt, mit ChatGPT und Konsorten umzugehen, eignet sich Fertigkeiten an, die ihm in der Arbeitswelt der Zukunft Türen öffnen.

Bei alldem darf man schliesslich darauf zählen, was die Erziehungswissenschaft «Resilienz» nennt: die Widerstandskraft von Kindern und Jugendlichen auch unter schwierigen Umständen. Manche Mütter und Väter glauben, ihre Kinder vor jedem Risiko schützen zu müssen, und nehmen ihnen dabei die Möglichkeit, sich frei zu entfalten. Das sei ein Fehler, sagt Bildungsforscherin Stamm. «Lasst die Kinder los», empfiehlt sie den Eltern in ihrem gleichnamigen Buch.

Abonnement
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Abo prüfen
Startdatum: 01.04.2026
Mit der Bestellung akzeptieren Sie unsere AGBs.
Ihre Angaben
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
    (Newsletter kann jederzeit wieder abbestellt werden)

Netiquette

Die Kommentare auf weltwoche.ch/weltwoche.de sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird.

Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.

Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels, an Protagonisten des Zeitgeschehens oder an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Wählen Sie im Zweifelsfall den subtileren Ausdruck.

Unzulässig sind:

  • Antisemitismus / Rassismus
  • Aufrufe zur Gewalt / Billigung von Gewalt
  • Begriffe unter der Gürtellinie/Fäkalsprache
  • Beleidigung anderer Forumsteilnehmer / verächtliche Abänderungen von deren Namen
  • Vergleiche demokratischer Politiker/Institutionen/Personen mit dem Nationalsozialismus
  • Justiziable Unterstellungen/Unwahrheiten
  • Kommentare oder ganze Abschnitte nur in Grossbuchstaben
  • Kommentare, die nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben
  • Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen)
  • Kommentare, die kommerzieller Natur sind
  • Kommentare mit vielen Sonderzeichen oder solche, die in Rechtschreibung und Interpunktion mangelhaft sind
  • Kommentare, die mehr als einen externen Link enthalten
  • Kommentare, die einen Link zu dubiosen Seiten enthalten
  • Kommentare, die nur einen Link enthalten ohne beschreibenden Kontext dazu
  • Kommentare, die nicht auf Deutsch sind. Die Forumssprache ist Deutsch.

Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Prüfer sind bemüht, die Beurteilung mit Augenmass und gesundem Menschenverstand vorzunehmen.

Die Online-Redaktion behält sich vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Wir bitten Sie zu beachten, dass Kommentarprüfung keine exakte Wissenschaft ist und es auch zu Fehlentscheidungen kommen kann. Es besteht jedoch grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Über einzelne nicht-veröffentlichte Kommentare kann keine Korrespondenz geführt werden. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.