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Die Weltwoche

Wenn Schönheit zum Verbrechen wird

Tamara Wernli

Wenn Schönheit zum Verbrechen wird

Zwischen «Pretty Privilege» und Schönheitssozialismus.

Neulich blieb ich an einem Buchtitel hängen: «2075 – Wenn Schönheit zum Verbrechen wird». Ein dystopischer Roman von Rainer Zitelmann. Darin erhebt sich eine Bewegung namens «Movement for Optical Justice» – eine Art Schönheitsstasi, die gegen die ungleiche Verteilung von Schönheit kämpft, weil schöne Frauen angeblich zu viele Vorteile haben. Schönheit wird zum Problem erklärt. Gleichheit zum höchsten Gut – koste es, was es wolle.

Illustration: Fernando Vicente
Beautiful young woman looking at self reflection in mirror
Illustration: Fernando Vicente

Überzeichnet, klar. Aber die Frage dahinter ist nicht uninteressant: Was passiert, wenn wir Schönheit nicht nur hinterfragen, sondern bestrafen? Wer als schön gilt, hat es oft leichter, das zeigen Studien sowie der Alltag. Der Begriff dafür: «Pretty Privilege». Gemeint sind die leisen Bonuspunkte – beim Bewerbungsgespräch, beim Flirten; attraktive Menschen wirken sympathischer. Und ja: Schönheit ist ungleich verteilt. Wie Intelligenz, Glück und Gesundheit. Nur ist sie sichtbarer und deshalb schwerer zu übersehen. Fair ist das natürlich nicht. Und jetzt? Wollen wir einfach so tun, als gäbe es keine objektive Schönheit? Als wäre jedes Gesicht und jede Nase gleich? Also meine ist schon mal grösser als der Durchschnitt – ich warte noch auf den Tag, an dem das als Schönheitsideal durchgeht.

Schönheit zählt bei Frauen gesellschaftlich stärker als bei Männern (auch ist der Druck stärker) – weil sie traditionell mehr Wert besass, weil viele Frauen lange kaum eine andere Rolle hatten als die der «hübschen Gattin». Mit wirtschaftlicher Unabhängigkeit und beruflichem Erfolg rückte das Aussehen zunehmend in den Hintergrund, in Zukunft wird sich dieser Trend zum Glück noch verstärken.

Trotzdem definieren sich viele Frauen noch immer stark über ihr Äusseres. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Beobachtung. Viele überdurchschnittlich schöne Frauen entscheiden sich für Berufe, in denen genau das zählt: als Moderatorin, Model, Schauspielerin oder Influencerin. Männer, selbst wenn sie sehr attraktiv sind, streben tendenziell weniger solche Wege an – lassen wir mal die Brad Pitts und George Clooneys beiseite. Hinzu kommt: Ein weniger gutaussehender Mann kann mit Erfolg, Geld oder Humor mangelnde Attraktivität kompensieren und trotzdem ganz oben mitspielen. Für eine Frau ist das viel schwieriger. Doch auch Männer spüren den Druck inzwischen – besonders beim Online-Dating, über das sich heute sehr viele Paare kennenlernen. Da entscheidet oft das erste Foto über das Ja oder Nein, das Aussehen ist der gate opener. Und Männer haben dabei weniger Möglichkeiten zur Optimierung als Frauen, die mit Make-up, Kleidung oder Frisur einiges herausholen können. Körpergrösse lässt sich nicht fälschen.

 

Fairness ist ein verständlicher Wunsch. Und niemand sollte sich benachteiligt fühlen, weil er nicht dem Ideal entspricht. Aber Fairness heisst nicht, dass niemand herausragen darf. Für Fans der Gleichmacherei wurde makellose Schönheit verdächtig, weil nicht jeder sie haben kann. Das Besondere wird als ungerecht umgedeutet, wie in Zitelmanns Roman, und zum Problem erklärt. Und hier kommt die Parallele zur Realität: Wie makellose Schönheit durch moralischen Druck – Empörung und Boykott – langsam neutralisiert wird, sieht man etwa am Umgang mit Victoria’s Secret. Jahrzehntelang stand das Label für ein Ideal von Weiblichkeit: makellos, schlank, atemberaubend. Dann kam der Aufschrei: zu perfekt, zu einseitig, zu schön. Es wurde, so scheint’s, als Provokation gesehen, die einst gefeierte Ästhetik kritisch beäugt, einige Engel wurden ersetzt, Diversity Pflicht. Natürlich ist es gut, Vielfalt zu zeigen. Aber es darf doch beides geben. Niemand wird daran gehindert, eigene Kampagnen zu starten, diverse Körper zu zeigen, neue Vorbilder zu schaffen. Der Versuch, perfekte Ästhetik mittels moralischen Drucks zu neutralisieren, erinnert an eine Art Schönheitssozialismus.

Für Fans der Gleichmacherei wurde makellose Schönheit verdächtig, weil nicht jeder sie haben kann.

Gleichheit ist absolut kein Selbstzweck. Sie wird erst dann zum Wert, wenn sie auf das Richtige zielt – auf gleiche Chancen, nicht auf gleiche Ergebnisse. Auf Freiheit, nicht auf Nivellierung. Schönheit wird immer ungleich verteilt sein. Damit müssen wir leben. Man muss sie nicht feiern – aber man sollte sie ertragen können. Das Problem ist nicht, dass sie existiert, sondern die wachsende Intoleranz von einigen gegenüber allem, was nicht alle haben können.

 

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