Der Begriff «Mental Load» ist derzeit in aller Munde – beziehungsweise: Er war nie wirklich weg. Dafür sorgt der Feminismus, der zuverlässig daran erinnert, was Frauen im Alltag alles leisten und wie erdrückend das ist. «Mental Load» bezeichnet die Belastung, die durch das Organisieren von (oft unsichtbaren) Alltagsaufgaben entsteht. Wie an den Geburtstag der Schwiegermutter denken und ein Geschenk besorgen, Kinderarzttermine organisieren, einen Masterplan haben, falls die Kita mal wieder spontan schliesst. Und wer kauft ein?
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Viele Frauen in Partnerschaften – besonders Mütter – sagen, sie leiden unter dieser mentalen Last. Unter dem Hashtag #mentalload berichten sie in unzähligen Videos in sozialen Medien davon, dass es stets an ihnen hängenbleibt, an all die kleinen Dinge zu denken. Es sei erschöpfend, immer den Überblick behalten zu müssen, und es bleibe erst noch unbemerkt. Der Vorwurf richtet sich nicht nur an die Männer an ihrer Seite, sondern oft gleich an die gesamte, angeblich von Männern dominierte Gesellschaft.
Tatsächlich übernehmen Frauen in Beziehungen häufig den Managerjob. Und es geht dabei nicht nur um das Tun, sondern um das Jonglieren der Aufgaben im Kopf: Was muss erledigt werden? Wann, wie? Wenn eine Person alles dauerhaft allein schultern muss, ist das zweifellos zermürbend. Doch, Hand aufs Herz, die Alltagslogistik ist für viele Frauen ein Terrain, das sie mit einem gutentwickelten Kontrollbedürfnis – und auch gerne – verteidigen. Es ist ihr Reich, sie sind Organisationskünstlerinnen. Nicht wenigen wäre es ein Dorn im Auge, wenn der Mann sich plötzlich überall einmischte, sei es bei der Farbe von Emma-Evas Fasnachtskostüm oder, noch schlimmer, wenn er versuchte, die Einkaufsliste komplett umzuschreiben. Auch neigen Frauen mitunter zur Über-Organisation, manche planen noch den Tagesablauf ihres Teenager-Sohnes mit, obwohl der längst ein Smartphone, einen Kalender und eine Meinung hat; die «Load» ist bisweilen auch ein bisschen hausgemacht.
Noch ein Denkanstoss, der mich in gewissen Kreisen in Teufels Küche bringt: Die meisten berufstätigen Männer arbeiten deutlich mehr als Frauen, unabhängig davon, ob Kinder im Spiel sind oder nicht. In der Schweiz arbeitet jede zweite Frau Teilzeit, in Deutschland fast jede zweite. Laut einem SRF-Online-Beitrag mit dem Titel «Studie zeigt: Noch immer soll der Mann die Familie ernähren» arbeiten Väter von betreuungspflichtigen Kindern im Durchschnitt 91 Prozent, Mütter dagegen 55 Prozent. Der Artikel lässt keinen Zweifel daran, welches Modell in der Schweiz dominiert: Die Frau kümmert sich primär um den Nachwuchs und das Heim, der Mann sorgt für das finanzielle Fundament.
Ich war nie besonders gut in Mathe. Aber diese Zahlen lassen nicht wahnsinnig viel Raum für Interpretation – und meine wäre: Wenn Männer deutlich mehr ausser Haus arbeiten, übernehmen Frauen automatisch mehr Aufgaben daheim und auch mehr des Denkarbeitsvolumens. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das soll keineswegs heissen, dass der Mann die Frau nicht trotzdem von der organisatorischen, mentalen Bürde entlasten kann – im Gegenteil, das sollte er. Aber es relativiert den Dauervorwurf, Männer würden sich drücken.
Die Frage sei erlaubt: Was ist euch wichtiger, liebe Ladys? Einen Partner, der die Kohle nach Hause bringt – und dafür vielleicht mal einen Jahrestag oder ein Geschenk verpennt oder nicht jedes Detail von Noahs Betreuung im Kopf hat? Oder einen, der deutlich weniger arbeitet, deutlich weniger verdient – aber dafür haargenau weiss, welches Shirt der Kleine fürs Fussballtraining braucht und ob noch genug Waschmittel da ist?
Auch Männer tragen eine Last, sie spüren den sogenannten Performer-Druck.
Apropos Kohle: Auch Männer tragen eine Last, sie spüren den sogenannten Performer-Druck, der vor allem Familienväter trifft, wenn sie als Hauptverdiener die finanzielle Verantwortung schultern. Dieser Druck kann genauso belastend sein wie die «Mental Load» und ebenso zum Gefühl führen, immer verantwortlich sein zu müssen. Doch weil Männer selten darüber reden und keine Tiktok-Videos darüber drehen – und weil es Männer sind –, ist das in der gesellschaftlichen Debatte kaum der Rede wert. Das ständige Gefühl, alles im Griff haben zu müssen, ist kein exklusives Frauenproblem. Manchmal hilft es, einmal die Perspektive zu wechseln.
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