Kabul
Kurz vor der Abreise warnt mich ein Bekannter, afghanistanerprobt: «Warst du im Tropeninstitut? Hast du dich geimpft? Typhus, Tollwut, Hepatitis und so weiter? Man kann sich dort alle möglichen Krankheiten einfangen. Es gibt streunende Hunde, wilde Katzen. Vergiss nie, dir nach jedem Händedruck die Hände zu desinfizieren. Die Hand, die du gedrückt hast, hat vorher irgendetwas anderes gemacht. Du weisst nicht, was. Und das Wichtigste: Schau den Afghanen nie in die Augen!»
www.casparmartig.ch
Auf der Website des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) lese ich unter der Rubrik «Reisehinweise für Afghanistan» Unerfreuliches:
«Von Reisen nach Afghanistan und von Aufenthalten jeder Art wird abgeraten.» Es gebe «nur eng begrenzte oder überhaupt keine Möglichkeiten zur Hilfeleistung» seitens der Schweiz. Die Lage bleibe «fragil und unbeständig». Gefechte und Anschläge könnten «jederzeit und überall» stattfinden.
Im ganzen Land würden «hohe Sicherheitsrisiken» bestehen: «Raketeneinschläge, Terroranschläge, Entführungen und gewalttätige kriminelle Angriffe einschliesslich Vergewaltigungen und bewaffneter Raubüberfälle.»
Die Rechtslage sei «unklar». Mehrfach seien Personen ausländischer Staatsangehörigkeit wegen «angeblich gesetzeswidriger Handlungen und Verstössen gegen lokale Traditionen» festgenommen worden.
Regelmässig Bomben
In Afghanistan drohen, schreiben unsere Behörden, «regelmässig Bomben- und Selbstmordanschläge» gegen «Behörden, Sicherheitskräfte, religiöse Stätten, -religiöse Minderheiten, Märkte, Schulen, Hilfsorganisationen und Kundgebungen». Es gebe «gezielt Anschläge gegen ausländische Staatsangehörige (Reisende sowie Mitarbeitende von Hilfsorganisationen und ausländischen Firmen etc.)» sowie «gegen Einrichtungen, in denen sich Ausländerinnen und Ausländer aufhalten (z. B. Restaurants, Hotels, Flughäfen). Das Entführungsrisiko sei «sehr» hoch und betreffe «sowohl ausländische wie afghanische Staatsangehörige». In Notlagen möchte man sich bitte an die «Helpline des Bundes» wenden. Die nächste schweizerische Vertretung befinde sich allerdings erst in Islamabad, der Hauptstadt von Pakistan. Jede Haftung werde abgelehnt.
Das EDA stütze sich auf «eigene, als vertrauenswürdig eingeschätzte Informationsquellen», übernehme allerdings «keine Gewähr für die Vollständigkeit der Reisehinweise und für die Richtigkeit des Inhalts von verlinkten externen Internetseiten».
Worauf, um Himmels willen, habe ich mich nur eingelassen?
Doch zu spät. Die Reise ist gebucht, die Termine sind gemacht. Ich kann meinen afghanischen Verbindungsmann nicht noch einmal enttäuschen nach den vielen Verzögerungen bisher.
An einem Fussball-Wohltätigkeitsturnier in Moskau habe ich im letzten Jahr diesen umtriebigen, im Westen aufgewachsenen, schwergewichtigen Deutsch-Afghanen kennengelernt, Multi-Unternehmer, aussichtsreicher ehemaliger Fussballjunior in München, Spitzname Nadschib, einst gertenschlank, heute sesselfüllend, ein afghanischer Falstaff.
Während Monaten, ich meine es als Kompliment, lag er mir in den Ohren. Unbedingt müsse ich mir selber ein Bild machen. Afghanistan sei anders, als wir hier im Westen glauben. Nein, er sei kein Talib, kein Koranschüler, kenne aber einige Leute aus der Regierung und habe einen guten Eindruck. Das Thema sei relevant, Geopolitik, Flüchtlinge, er könne helfen, interessante Interviewkontakte aufzugleisen.
Gipfel der Dummheit?
In Bern raten sie mir ab. Ich male mir aus: Was, wenn mich eine verrückt gewordene Islamistengruppe kidnappt? Man stelle sich die Schlagzeilen vor: Ehemaliger Schweizer Nationalrat, Journalist, eingebildeter Kara Ben Nemsi Effendi wird auf den Spuren von Karl May in den Gebirgsschluchten des Hindukusch verschleppt, Gipfel der Dummheit, der Wichtigtuerei und der Verantwortungslosigkeit!
Ich zögere. Dann aber gibt das Gespräch mit einem Schweizer Unternehmer den Ausschlag. Erst kürzlich bereiste er mit Nadschib das Land, übernachtete in der Pampa in alten Militärcamps, die von nur einem verlorenen Soldaten bewacht worden seien. Nur eine Wache? Das klingt nicht nach einem Land, in dem angeblich laufend «Raketeneinschläge» und Bombenattentate drohen.
Doch, es gebe Sicherheitsrisiken, erzählt er mir, nennen wir ihn Markus, bei einem Tee in einem Hotel unweit des Zürcher Flughafens. Aber die hätten ausschliesslich mit dem Strassenverkehr zu tun und der halsbrecherischen Fahrweise der Afghanen in ihren Toyotas. Einigen Chauffeuren habe er 50 Dollar bezahlt, damit sie über die kaputten Fahrbahnen nicht mit mehr als 120 Sachen brettern. Ich fange an, mich innerlich auf die Reise einzustimmen. Die Worte des Landsmanns beruhigen mich. Auch die Schweiz ist eine Stammesgesellschaft. Wirklich glauben wir nur den Unsrigen.
So also finde ich mich, ungeimpft, dafür mit einer vollen Hausapotheke und einem Koffer voll angelesener Bücher auf dem Flieger nach Istanbul. Mit dabei auch der Fotograf Caspar Martig, mein Hadschi Halef Omar auf dieser Expedition.
Direktverbindungen nach Kabul gibt es nicht, aber regelmässige Linienflüge mit -Turkish -Airlines, einmal umsteigen. Offenbar ist die Landepiste in der afghanischen Hauptstadt wieder intakt. Weltwoche-Kollege Urs Gehriger erzählte mir von seinen Erfahrungen vor zwanzig und dreissig Jahren. Damals habe er jeweils erleichtert aufgeatmet, als seine Maschine auf dem «Kabul International Airport» zwischen all den alten Schlag- und Einschusslöchern endlich -sicher zum Stehen kam.
Kaum sind wir in der Luft, vergrabe ich mich in die Bücher. Ich bekenne: Von Afghanistan verstehe ich wenig, eigentlich nichts. Ich bin auch nicht -sicher, ob es überhaupt möglich ist, als Schweizer, als Europäer, als Westler, dieses Land jemals zu verstehen.
Als am Hindukusch, an den vorzeitlichen Verbindungswegen Zentralasiens, die ersten Hochkulturen entstanden, etwa im 5. Jahrtausend vor Christus, begannen sich in Europa und in der Schweiz nach der letzten Eiszeit allmählich Ackerbau und Viehzucht auszubreiten. Man lebte als Pfahlbauer in Ufersiedlungen, während im fernen Zentralasien, im afghanischen Nordosten, bereits der Fernhandel blühte und es befestigte Metropolen gab wie Balkh, die «Mutter aller Städte».
Also Obacht beim Urteilen. Keine Überheblichkeiten. Ich nehme mir vor, nichts zu wissen und nichts zu meinen, sondern mich einfach neugierig, «ergebnisoffen», auf diese Reise einzulassen. Afghanistan hat bei uns ja eine denkbar schlechte Presse. Die regierenden Taliban gelten als mittelalterliche Finsterlinge mit Bart, als Frauenunterdrücker und Sponsoren des Terrorismus. Mal sehen, was herauskommt, wenn wir die Schlagzeilen mit der Wirklichkeit konfrontieren.
Europäische Seins-Erweiterungen
Als Erstes sehe ich mir ein paar alte Aufnahmen von Kabul an. In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts pilgerten hier die europäischen Hippies durch. Auf dem Landweg fuhren sie mit ihren VW-Bussen durch die Türkei, den Iran und Afghanistan nach Indien. Dabei machten sie Zwischenhalt in Kabul, 1800 Meter über Meer, damals ein niedliches Gebirgsstädtchen mit maximal 350.000 Einwohnern, ausladende, kaum befahrene Strassen, schmucke Herbergen und Coffee-Shops, malerisch umringt von den schneebedeckten Hügelketten des Hindukusch, ein zauberhaftes St. Moritz des Orients.
Unter dem kristallklaren Himmelszelt mit seinen funkelnden Sternen, erfahren wir aus Berichten von Augenzeugen, sollen die aus dem weiblichen Teil der Cannabispflanze gewonnenen Substanzen, vulgo «Schwarzer Afghane», wahre Wunder der Horizonterweiterung und der Seins-Ergründung gewirkt haben. Afghanistan, das war zu Beginn der siebziger Jahre noch kein Synonym für Krieg, Terror und Abgrund, sondern ein Versprechen des Friedens und der Gastfreundschaft, eine Oase rauschender Glückseligkeit in unschuldiger Zeit.
Durch den Fleischwolf
Kurz darauf ging es senkrecht abwärts. -Afghanistan versank in der Hölle von Krieg und Bürgerkrieg. Bestialische Rasereien tobten sich auf diesem ewigen, majestätischen Gelände aus, das sich im Osten zum «Dach der Welt» erhebt, zum Himalaja mit seinen gewaltigen, unverrückbaren Wolkenkratzern.
Die Traurige ist, wenn ich es richtig verstanden habe, dass die Afghanen selber keinen dieser Kriege wollten oder angezettelt haben. Die Hauptrolle spielten, einmal mehr, die Grossmächte, die Supermächte, die Invasoren und Stellvertreterkrieger, die in Afghanistan ihre Duelle ausfochten, ihre Planspiele blutig durchexerzierten, so lange, bis sie selber realisieren mussten, dass ihre Pläne von Anfang an sinnlos waren, verbrecherisch, Hirngespinste und Anmassungen, Machträusche, für die vor allem andere, die Mal um Mal vergewaltigten Afghanen, den höchsten Preis zahlen mussten.
Auf die Hippies folgten Staatsstreiche, die Absetzung des letzten Königs, der 1973 in Rom abdankte, dann Aufstieg der Kommunisten, wieder Attentate, gewaltsamer Umsturz, Einmarsch der Sowjetunion, Fleischwolf. Wie vor ihnen die Briten und später die Amerikaner zerschellten allerdings auch mit ihrer weit überlegenen Kriegsmaschinerie die Russen an der todesverachtenden Tapferkeit der Afghanen.
Aus Felsritzen und unerreichbaren Gebirgsstellungen, in denen sich gewöhnliche Menschen niemals aufhalten, feuerten diese fanatischen, bärtigen Patrioten, «Mudschaheddin» genannt, zunächst mit uralten britischen Ordonnanzgewehren auf die sowjetischen Besatzer, ihre MiGs und ihre Kampfhelikopter. Dann stellte ihnen US-Präsident Ronald Reagan hochmoderne Boden-Luft-Raketen, «-Stinger», zur Verfügung, um Moskaus «Reich des Bösen» in die Knie zu zwingen.
Kurz nach dem schmählichen Ende ihrer «militärischen Spezialoperation» in Afghanistan implodierte die Sowjetunion. Ein einsamer Michail Gorbatschow besiegelte nur kurze Zeit nach dem demütigenden Abmarsch der Truppen aus Kabul mit seiner Unterschrift im Kreml die Auflösung des kommunistischen Grossreichs. Abermals hatten die unbeugsamen -Afghanen einem Imperium das Rückenmark gebrochen.
Doch das Ende der Sowjets läutete nur eine weitere Schraubendrehung des Unheils ein. -Afghanistan kam nicht zur Ruhe. Kaum war der gemeinsame Feind besiegt, fielen die erfolgreichen Warlords übereinander her. Wieder mischten sich fremde Mächte ein, Weltmetzger, insbesondere die Amerikaner, die allerdings feststellen mussten, dass die einstigen Verbündeten mit ihren Raketen nun plötzlich auf die ehemaligen Gönner zielten.
Aus dem mörderischen Durcheinander gingen die ominösen «Taliban» als Sieger hervor, die «Koranschüler», Paschtunengeistliche aus Pakistan, angeführt von einem Einäugigen, Mullah Omar, der dem Land Frieden, Einheit und ein strenges islamisches Regime versprach. Im Westen überschlugen sich sogleich die Gräuelmeldungen. Die Taliban seien Teufel, islamistische Ungeheuer, Terroristen, grässliche Unterdrücker der Frauen, eine Ausgeburt der Finsternis. Es dauerte nicht lange, bis ihr Regiment unter den Detonantionen, im Flammen-Inferno bunkerbrechender US-Bomben an ein schnelles Ende kam.
Amerikanisches Unglück am Hindukusch
Doch auch die Supermacht fand am Hindukusch kein Glück. Nach den Mullahs ging es wieder in die Gegenrichtung, 180 Grad. Die Männer schnitten ihre Bärte, die Frauen legten ihre Schleier ab, und der Westen liess Milliarden auf das leidgeplagte Land herunterregnen. In Kabul nistete sich die Nato mit ihren Hauptquartieren ein. Die Alliierten rollten Stacheldraht aus, zogen in der Hauptstadt um neuralgische Gebäude Festungsmauern hoch und verwandelten Afghanistan in ein Land im Zustand der inneren Belagerung. Draussen streuten sie Heereslager aus, kleinere und grössere Burgen, die den Bewohnern das Gefühl von Sicherheit vermitteln sollten.
Aber mit jedem Schuss, mit jeder Bombe, mit jeder Milliarde, die auf Afghanistan niederging, wuchs die Unsicherheit. Wer abends das Haus verliess, lief Gefahr, ausgeraubt oder entführt zu werden. An nächtliche Fahrten durchs Land war nicht zu denken. Die Korruption schoss ins Gigantische. Die von Washington eingesetzten Marionettenregierungen kontrollierten oftmals nicht viel mehr als das unmittelbare Umfeld ihrer Paläste.
Präsident Joe Biden machte 2021 dem Wahnsinn ein Ende. Doch der Abmarsch seiner Soldaten, eine eigentliche Flucht, verlief ungleich chaotischer als die Niederlage der Sowjetunion. Zum zweiten Mal rollten die Taliban in Kabul ein. Der letzte afghanische Präsident von US-Gnaden, Ghani, packte die Geldkoffer und bestieg seinen Privatjet Richtung Dubai.
So überstürzt rannten die USA davon, dass sie milliardenteure Waffenlager zurückliessen. Und seit damals regieren wieder die Koranschüler, doch in veränderter Besetzung. Ihren Staat nennen sie «Islamisches Emirat Afghanistan». In Kandahar, einer uralten Stadt im Westen, deren Gründung auf Alexander den Grossen zurückgeht, sitzt ihr oberster Führer, der Emir, den ausser seinen Vertrauten niemand zu Gesicht bekommt. Von der internationalen Gemeinschaft, die so uneins ist wie lange nicht mehr, werden sie abgelehnt und isoliert wie auf einer Leprastation. Nicht einmal vor der Uno-Vollversammlung dürfen die Taliban sprechen. Dieses Feindbild eint gerade noch die sonst so heillos verkrachte Staatenwelt.
Aber halt, stopp. Beweist nicht gerade meine Reise, dass diese Erzählung nicht stimmen kann? Unter den ersten Taliban wäre ich, Macht der Feindbilder, wohl kaum hierhergeflogen. Sind die Taliban wirklich so isoliert, abgeblockt, boykottiert und ausgesperrt? Sind die Aussätzigen noch so aussätzig wie vor dreissig Jahren?
Zweifel melden sich. Die Chinesen drücken, höre ich, seien heiss auf die afghanischen Goldminen und Rohstoffe. Offenbar strecken auch die Amerikaner wieder ihre Fühler aus. Kürzlich strich Präsident Trump die Kopfgelder, die auf prominente Taliban-Politiker ausgesetzt waren. Washington hofft auf die ehemaligen Militärbasen. Nicht, um erneut die Herrschaft in diesem Mosaik der Völker und Stämme an sich zu reissen. Nein, diesmal geht es darum, die Chinesen abzublocken. Was wiederum den Taliban behagt, die Distanz schaffen wollen zu ihrem übermächtigen Nachbarn.
Eine Schweiz Zentralasiens
Istanbul liegt hinter uns. Der Flug ruckelt ereignislos hoch über den Steppen und Bergen Zentralasiens. Hier oben ist alles so friedlich. Ich trinke türkischen Tee, probiere die vorzüglichen Haselnüsse. In wenigen Stunden erreichen wir das Ziel.
Afghanistan, ich kann mir nicht helfen, erinnert mich an die Schweiz, Binnenland, wichtige Verbindungswege, unzugängliche, schroffe Gebirge, Knautschzone und Puffer zwischen Fürstentümern und Imperien. Vor Hunderten von Jahren waren die Eidgenossen die Afghanen Europas, Guerillakrieger, Meister der asymmetrischen Taktik, bärtige, Hellebarden schwingende Freiheitshooligans, unter sich zerstritten, aber geeint, wenn mächtigere Nachbarn, Könige, Kaiser, Eroberer ins Land und auf die begehrten Alpenpässe drängten. Ihre einzigen Verbündeten waren Gott und ein für Eindringlinge feindseliges Gelände, ihre Feldzeichen das christliche Kreuz wie für die Taliban die Inschriften des heiligen Koran.
Eine letzte Parallele kommt mir in den Sinn, ehe der Pilot den Sinkflug ankündigt. In einem der mitgeschleppten Geschichtsbücher habe ich gelesen, dass die afghanischen Herrscher, ähnlich wie die Eidgenossen, wendige Neutralitätspolitik betrieben, mal nach dieser, mal nach jener Seite balancierten, Verträge schlossen mit allen gegen alle, deren einziges Ziel stets darin lag, die eigene Freiheit zu vergrössern.
Das ging erstaunlich lange gut, von der Gründung der Monarchie im 18. Jahrhundert bis zu deren Sturz im Jahr 1973. Doch dann geriet das arme Afghanistan, anders als die Schweiz, zwischen die Fronten des Kalten Kriegs, in den blutigen, tödlichen Revierkampf der Supermächte. Alles, was seither geschah, muss darauf bezogen und vieles daraus erklärt werden. Wenn man sich im Westen heute in selbstgerechter Empörung über die Taliban ergeht, denke ich mir, dann sollte man sich zuerst die Frage stellen, welchen Anteil der Westen daran hat, dass es die Taliban überhaupt gibt.
Unter den Wolken zeigt sich jetzt das hochgelegene Tal von Kabul. An dieser seit Jahrtausenden befahrenen Wegkreuzung Zentralasiens schlugen die Russen ihre Hauptquartiere auf, dann die Amerikaner, aber vor ihnen schon die Generäle Alexanders des Grossen, der auf der Jagd nach den Mördern des von ihm besiegten Perserkönigs Dareios über den legendären Chaiber-Pass ins antike Indien vorstiess.
Graubraunes Meer an Häuserklötzen
Von Kabul aus eroberte der sagenhafte Usbeke Babur den indischen Subkontinent und errichtete dort ab dem 16. Jahrhundert die Herrschaft der Moguln. Die Festung Kabul diente den Briten, bis zu ihrer Vertreibung durch die Vorfahren der Gebirgskrieger, als Stützpunkt, um den Vormarsch des russischen Zaren an die Grenzen des von ihnen beherrschten Indien zu stoppen. Wer heute den Ukraine-Krieg verstehen will, findet im «Great Game» zwischen der englischen Krone und dem Kreml im 19. Jahrhundert den Schlüssel.
Die Hügelkuppen des Hindukusch leuchten magisch unter der aufgehenden Sonne. Über der afghanischen Hauptstadt allerdings liegt eine Dunstglocke aus Abgasen und Staub. Kabul ist ein endloses, graubraunes Meer aus Häuserklötzen. Auf der Landebahn gibt es keine Schlaglöcher mehr. Der Flughafen macht einen organisierten Eindruck. Pünktlich rollt die Gangway an. Am Ausgang empfangen uns bereits die Kollegen, allen voran Nadschib, der afghanische Falstaff, strahlend, Champagnerlaune, offenbar in traditioneller Tracht. In einer Wartehalle trinken wir Tee. Dann kommen die Koffer. Die Einreiseformalitäten sind erledigt. Unsere Passierscheine öffnen alle Barrieren. Wir besteigen einen weissen Toyota Land Cruiser und durch ein wuchtiges Eisentor beginnen wir unsere Fahrt ins Ungewisse.
Was immer dort draussen auf uns wartet: Es hat nichts mehr zu tun mit dem verschlafenen orientalischen Idyll, das Legionen von Langhaarigen aus Europa anlockte. Kabul ist eine Millionenstadt, ein Moloch, der gerade aus dem Schlaf erwacht. Auf den Strassen herrscht organisiertes Chaos, Gewimmel, die meisten Fahrzeuge in ansprechendem Zustand, kaum Schrottkisten. Toyota hat hier einen Marktanteil von gegen 100 Prozent. Ampeln gibt es keine, eine schrill hupende Blechlawine, dazwischen überleben Fussgänger, schlängeln sich vereinzelt Pferdegespanne durch. Unser Begleiter scherzt. «In Kabul brauchst du keinen Führerschein. Wenn du den ersten Tag am Steuer überlebst, hast Du bestanden.»
Anders als Luzern
Um einen ersten Eindruck zu vermelden: Es sieht anders aus als Zürich oder Luzern, aber auch anders als Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg. Dort standen lange noch die Bombenruinen der Vergangenheit. Auch in Kabul schlugen jahrelang Raketen ein. Bomben explodierten. Es gab Strassenkämpfe, Sektoren, so dass die Einwohner Visa kaufen mussten, um die Strassenseite zu wechseln. Gemessen daran, ist diese geschändete, mehrmals -massakrierte Stadt in einem erstaunlich guten Zustand.
Gewiss: Auf den ersten Blick erinnert nichts mehr an den Charme, den Kabul einst gehabt haben muss. Das Statdbild ist komplett anders als auf den alten Bildern aber daran denkt hier, wenn es nach fünfzig Jahren Krieg ums Überleben geht, wohl keiner.
Je näher wir der Innenstadt und unserem Hotel kommen, desto festungsähnlicher wirkt die Umgebung. Viele Gebäude sind mit Betonmauern aus Fertigteilen gesichert. Auf den meisten rostet Stacheldraht. Wir sehen Ausgucksnester, Wachtürme, aber die meisten sind verwaist, tot wie ausgeräucherte Vogelnester. Hinter einer besonders sauberen und hohen Betonwand, erzählt man uns, steht das ehemalige Nato-Hauptquartier. Verstaubt, -verlassen und gespenstisch ragt auch das -Eingangsportal der ehemaligen US-Botschaft auf, eine Szenerie wie aus dem -letzten «Mad Max»-Film. Einzig hier, an dieser Durchgangstrasse im Regierungsviertel, passieren wir bemannte Kommandoposten. Die Wachen sind freundlich. Neben ihnen parkiert stehen amerikanisches «Humvees», jetzt -arabisch beflaggt, eher Trophäen als Sicherheitswerkzeuge zum -Gebrauch.
Aufmerksam beäugen wir die Menschen. Tragen alle Männer Bart? Hat es Frauen? Burkas? Sind alle verschleiert? Keine Frage: Männer dominieren das Strassenbild, fast alle in traditionellen afghanischen Tunikas mit Pluderhosen und Hüten oder Überwürfen. Bärte überwiegen, aber wir sehen alle Varianten, lange Bärte, gepflegte, ungepflegte, Dreitagebärte, Schnäuze. An einem Fussballturnier, das wir in ein paar Tagen besuchen, werden wir zu unserer Überraschung – westlicher Tunnelblick – gänzlich unrasierte Spieler in kurzen Hosen sehen, und zwar ausgerechnet aus Kandahar, das ist die Hauptstadt der Taliban, das spirituelle Zentrum, wo sie ganz besonders heftig herrschen sollen.
Bereits auf unserer ersten Fahrt entdecken wir unverschleierte Frauen. Sie sind in der Minderheit, aber man sieht sie überall, wie sie Kinder am Morgen in die Schule bringen, an Marktständen in den Auslagen herumwühlen, mit den Händlern feilschen oder ganz einfach den Geschäftsstrassen entlangspazieren. Ich habe gelesen, ohne männliche Begleitung dürften Frauen in Afghanistan das Haus nicht verlassen. Wenn das stimmt, werden diese Regeln, so weit ich flüchtig überblicke, zumindest an unserem Ankunftstag nicht wirklich streng befolgt. Es sind etliche Frauen zu sehen, die offensichtlich keinen männlichen Begleiter haben.
Die Einfahrt ins Hotel ist abenteuerlich und könnte den Eindruck erzeugen, Afghanistan sei immer noch im Krieg. An einer Kontrollbarriere stoppt uns die Wache. Papiere. Wir fahren ein paar Meter, dann kommt ein Mann mit einem Minensuchgerät. Er findet nichts. Nach ein paar weiteren Metern hält uns ein weiterer Uniformierter auf. Diesmal beschnuppert ein Bombenhund den Wagen. Wir fahren den schmalen Weg entlang, bis sich eine -Barriere hebt. Ein Eisentor schiebt sich zur Seite, dann überqueren wir den Holperparcours von Strassenhindernissen. Schliesslich erreichen wir den Innenhof mit Entree. Vor uns öffnet sich die Oase eines Hotelgartens.
Ich frage einen Angestellten, ob diese Sicherheitsvorkehrungen nötig seien. Der Mann zuckt mit den Schultern. Kurz bevor die Sowjets nach Kabul kamen, lese ich auf Wikipedia, wurde hier der amerikanische Botschafter Adolph Dubs entführt. Zur Zeit der amerikanischen Herrschaft gab es Anschläge und Attentate auf das «Kabul Grand» und dessen prominente Besucher. Unsere afghanischen Kollegen versichern mir, wir hätten nichts zu befürchten. Aber das Management wolle nichts dem Zufall überlassen. Die Sicherheit der Gäste stehe über allem. Vor allem hätten sich hier mehrere Botschaften einquartiert.
Das »Kabul Grand» ist auf westlichem Standard. Die Zimmer sind sauber, geräumig, wir haben Warmwasser, Internetverbindung, und die Leitungen sind so gut, dass ich sogar längere Videoaufzeichnungen in die Schweiz übermitteln kann. Manchmal, werde ich feststellen, fällt am Abend der Strom aus, doch nie für lange. Es gibt ein reichhaltiges Büffet und weitere Hotelgäste. Wir treffen Russen, Usbeken, Chinesen, Katari, Iraner und einen Argentinier. Eines Morgens werde ich sogar von zwei sich ziemlich laut und unangenehm unterhaltenden Amerikanern gestört. Auf meine Frage, was sie hier machen, sagt der eine: «Jedes Mal, wenn es mir zu Hause in Oakland Kalifornien wirklich beschissen geht, besteige ich den Flieger nach Kabul, um einen noch beschisseneren Ort zu sehen. Dann geht es mir wieder gut.»
Talibans oberster Spion
Als Erstes steht ein Termin mit dem Spionagechef und obersten Sicherheitsverantwortlichen der Taliban auf dem Programm. Bis zuletzt wird mir nicht ganz klar sein, wer hier eigentlich wen interviewt. Interviewe ich den Sicherheitschef, oder interviewt er mich?
Wir treffen den Mann in dessen Privatresidenz, einem geräumigen Haus nicht weit von unserem Hotel, aber hier im Verkehr verliere ich die Orientierung. Sein Sekretär empfängt uns vor einer Veranda, wir ziehen die Schuhe aus und gehen ins Wohnzimmer. Entlang den Wänden stehen Stühle und Sofas. Man serviert uns Nüsse und Tee. Nach einem kurzen Geplauder betritt Abdul Haq Wasiq das Wohnzimmer, eine etwas düstere Erscheinung, 53 Jahre alt, dunkler Bart, ernster Blick, ein enger Vertrauter des Emirs. Kaum sitzt er ab, taut er auf.
Von 2002 bis 2014 war Wasiq in -Guantanamo inhaftiert. Anscheinend soll er in terroristische Aktivitäten verwickelt gewesen sein, was Wasiq allerdings bestreitet. Unsere Bitte nach einem Foto schlägt er aus. Bevor ich eine Frage stellen kann, fragt er mich, was meine ersten Eindrücke in Kabul seien. Ich hätte, antworte ich, nach fünfzig Jahren Krieg grössere Zerstörungen erwartet. Das Leben wirke angesichts der Umstände erstaunlich normal. Man habe nicht das Gefühl, die Leute hätten Angst oder trauten sich nicht auf die Strassen.
Wasiq nickt. Sein Übersetzer überträgt seine Sätze in fehlerfreies Englisch. Ich kann nicht beurteilen, ob das, was er sagt, den Tatsachen entspricht, aber ich gebe hier einfach ungefiltert weiter, was mir dieser schlachtenerprobte Talibankämpfer erzählt. Möge auch einmal seine Sicht gehört werden, die Sicht sozusagen eines vom Westen Angeklagten.
Wasiq macht es sich auf seinem Sessel in einer Art Schneidersitz bequem: «Erstmals seit Jahrzehnten ist Afghanistan wieder souverän. Wir haben die Kontrolle. Niemand muss um sein Leben fürchten. Es gibt keine fremden Interventionen, und selbst die ökonomische Situation ist verkraftbar, wenn auch weit entfernt von gut.»
Gleichzeitig, fährt er fort, mir bestimmt in die Augen blickend, gebe es grosse Herausforderungen, zuvorderst die internationaleBlockade. Rund sieben Milliarden Dollar an -afghanischen Auslandsguthaben seien -blockiert, Geld, das man gut gebrauchen könne. «Wir wollen raus aus der Isolation», sagt der Geheimdienstchef. «Bitte teilen Sie Ihren Lesern und Zuschauern mit, dass wir mit allen Ländern kooperieren wollen. Der Krieg ist vorbei. Wir haben die Feinde, die unser Land widerrechtlich besetzt hielten, vertrieben, aber wir sind Muslime und haben ihnen verziehen. Wir sind für niemanden eine Bedrohung und wollen nur unser Land wieder aufbauen.»
Wasiq verneint, dass die Taliban den internationalen Terrorismus unterstützten. Das Gegenteil sei richtig. «Wir bekämpfen den Terrorismus. Der Islamische Staat ist unser Feind. Wir sind ein natürlicher Verbündeter des Westens, der Amerikaner im Kampf gegen den IS, den wir im Osten des Landes besiegt haben. Die Welt sollte uns helfen, nicht ächten.» Doch -bleibe der IS eine Herausforderung: «-Scheitern die Taliban, kommt der Islamische Staat.»
Flüchtlinge: Kommt nach Hause!
Sollen die Flüchtlinge aus Europa nach Hause kommen? Wasiq nickt. Auch die straffällig gewordenen Flüchtlinge seien willkommen. Ich frage ihn, was er einem afghanischen Familienvater rate, der zurückkehren wolle, aber aufgrund entsprechender Berichte sich Sorgen macht um seine drei Töchter, die in -Afghanistan ab einem bestimmten Alter nicht mehr zur Schule gehen dürfen und auch -andere Restriktionen zu fürchten hätten.
Auch dem Familienvater rufe er zu, er sei willkommen, ebenso dessen Töchter. Es sei dieser Regierung gelungen, allein aufgrund ihres starken Willens, dank Gottes Hilfe, ihre überlegenen Feinde zu besiegen, Sicherheit und Frieden nach Afghanistan zurückzubringen. «Die Frauen sind heute wieder sicher in Afghanistan. Unsere Regierung hat den Drogenhandel gestoppt. Wir sind unabhängig von fremder Einflussnahme. Wir Afghanen haben Hunger nach Frieden.» Wasiqs Sekretär ergänzt: Ich möge bedenken, dass Afghanistan sich gerade von fünfzig Jahren Krieg und Fremdherrschaft erhole. Noch sei vieles nicht perfekt, man könne manches besser machen. Aber die Flüchtlinge hätten nichts zu befürchten.
Westliche Brillen machen blind
Ist das Propaganda, oder kann ich die beiden beim Wort nehmen? Die Verabschiedung ist herzlich. Wir fahren in die Nacht hinaus. Inzwischen ist es finster. Es dunkelt früh, etwa um fünf, doch auf den Strassen leuchten die Stände. Noch immer wird gekauft und verkauft. Auch die Ladenlokale in den Häusern sind geöffnet. Nadschib hat uns einen Tisch in einem Restaurant reserviert. Man wird uns Reis und Fleisch bringen, Fladenbrot, Tee und Joghurt, alles ausgezeichnet. Den Service führt ein westlich gekleideter Chef. Mehrere Frauen, übrigens ohne Schleier, helfen ihm.
Am zweiten Tag treffe ich einen NGO-Vertreter, Veteran des Humanitären, der lieber anonym bleiben möchte, um offen zu reden. Afghanistan bezeichnet er als «Land der Nuancen». Die westliche Brille mache blind. Eine «monolithische Sicht» führe in die Irre. Er bestätigt, was auch ich vermute: Die Taliban sind keine Einheit, kein Block, es gibt Schattierungen.
Afghanistan sei eine Theokratie, vielleicht sogar eine theokratische Diktatur, aber eine, die sich in überwiegender Übereinstimmung mit dem Willen und den Interessen der Bevölkerung befinde. Zumindest bis jetzt. Das müsse man im Westen akzeptieren. Es gebe Konflikte mit Pakistan, ihrem alten Sponsor, doch mittlerweile hätten sich die Taliban da freigestrampelt. Kabul knüpfe Kontakte mit Indien, «was den Pakistani nicht gefällt». Das sei wohl der Hintergrund der pakistanischen Angriffe im Osten, unweit der Grenze, also dort, wo ich demnächst hinfahre.
Die Regierung des Emirats habe den Krieg beendet. Zum ersten Mal seit vierzig Jahren sei es ruhig im Land, keine bewaffneten Banden, keine Überfälle, keine Explosionen oder Entführungen. Das sei ein grosses Verdienst. Aus diesem Grund seien die Afghanen auch bereit, die Restriktionen hinzunehmen. Die seien beträchtlich, vor allem für Frauen.
Die öffentlichen Schulen nehmen Mädchen nur bis in die sechste Klasse auf. Dann werde es schwierig. Es gebe private Angebote, aber das sei kein Ersatz. Auch von den öffentlichen Universitäten seien die Frauen ausgeschlossen. Er habe von Ausgangsbeschränkungen gehört. Wenig davon habe mit dem Islam zu tun, vieles sei Tradition, ein kompliziertes Thema, aber vor allem eine riesige Hypothek. Zwar dürften die Frauen arbeiten, es gebe auch Ärztinnen und Lehrerinnen, aber keinen Nachwuchs. «Doch auch die Taliban wollen, dass ihre Töchter von Frauen behandelt werden. Das System geht nicht auf.» Er habe den Eindruck, die Taliban hätten die Schrauben zuletzt sogar eher angezogen als gelockert.
Als Zeitbombe bezeichnet der NGO-Mann die sozioökonomische Lage. Iran und Pakistan haben rund drei Millionen Afghanen aus dem Land geworfen. Viele von ihnen würden in Flüchtlingslagern im Osten leben. Auf einen Schlag fielen die Geldzahlungen aus dem Ausland weg. Die vorwiegend jungen Männer hätten keine berufliche Perspektive. «Das ist potenzieller Terroristennachwuchs.» Er stimme dem Geheimdienstchef zu, der IS sei momentan besiegt – aber noch nicht vernichtet. Bessere sich die Lage nicht, werde der IS unter den Verzweifelten Anhänger rekrutieren.
Für unseriös hält der NGO-Vertreter Aussagen, wonach die Afghanen aus Europa zurückkehren könnten. Er zweifelt, ob die Regierung die Migration wirklich im Griff habe. Ja, es gebe eine gewisse Normalität, aber eben auch die Restriktionen. Der Emir werde kaum zugeben, dass er sich geirrt habe, und die Schulen für -Mädchen wieder öffnen. Es brauche hier viel Fingerspitzengefühl, kleine Schritte, auch Engagement von aussen. Die Boykottpolitik sei falsch.
«Wir sind für Frauenrechte»
Ich nehme mir vor, den Kulturminister, -Khairullah Khairkhah, mit den Befunden meines anonymen Gewährsmanns zu konfrontieren. Offenbar ist dieser Politiker in der Regierung ein aufstrebender Mann und für wichtige Posten im Gespräch, auch fürs Ausland. Wir betreten einen stattlichen Bürokomplex. Über ein paar trostlose Gänge und Treppen, an verwaisten Holztischen vorbei, es ist recht kalt, kommen wir in sein Büro. Drinnen ist es behaglich. Der Minister wärmt sich barfüssig an einem Heizofen. Es gibt köstliche Nüsse, Bananen und Tee. Ab und zu stehen unsere Gastgeber auf, um zu beten. Dann setzen sie das Gespräch punktgenau dort fort, wo wir aufgehört haben.
Der Minister begrüsst uns im Wortsinn herzlich, indem er seine rechte Hand auf die linke Brustseite legt, eine hier weitverbreitete Geste, die wir alsbald übernehmen. Er spricht hervorragend englisch. Einen Übersetzer brauchen wir nicht. Die Situation, fängt er an, habe sich drastisch zum Guten verändert. Noch vor kurzem beherschten Banden und Fremde das Land, habe es weder Sicherheit noch Frieden gegeben. Heute könne man überall hingehen. Erstmals seit langem gebe es eine gewisse Einheit. Die Leute würden die Regierung unterstützen. «Wir sind für alle da, nicht nur für die Taliban oder die Paschtunen», also die mächtigste Ethnie.
Die Flüchtlinge? «Sie sollen nach Hause kommen. Der Emir habe allen vergeben, vor den Taliban müsse keiner Angst haben.» Ich frage ihn nach den Restriktionen gegen Frauen, erzähle von den Aussagen der NGOs. Der Minister schaut mich an: «Jedes Land hat seine eigene Kultur. Man sollte dies respektieren. In Afghanistan sind die Frauen sehr kostbar, Königinnen. Auch ich habe eine Frau, ich liebe und respektiere sie sehr. Ich will zum Beispiel nicht, dass sie arbeiten muss. Das Geld habe ich nach Hause zu bringen, nicht sie. In der Schweiz kann ein Mädchen einen Freund haben. Bei uns braucht es dazu die Einwilligung der Familie.»
«Wir sind nicht gegen, wir setzen uns für die Frauenrechte ein!» Die Taliban hätten zahlreiche Gesetze verabschiedet, um Frauen zu schützen und ihre rechtliche Stellung zu stärken. In Stammesgebieten dürften Frauen nicht mehr gegen ihren Willen verheiratet werden. Das sei nun offiziell verboten. Früher sei es oft vorgekommen, dass Töchter um ihr Erbe gebracht wurden, wenn der Vater starb. Auch diese Praxis hätten die Taliban unterbunden. Töchter können sich wehren vor Gericht. Es gebe keine Willkür mehr.
Dann erzählt der Minister, wie in entlegenen Gebieten Mordfälle und Fehden gesühnt und beglichen worden seien. Der Schuldige habe dem Clan des Ermordeten zwei Mädchen aus der eigenen Sippe geschenkt. Dann sei die Sache vergessen gewesen. «Auch dies ist heute streng verboten.» Der mutmassliche Mörder könne sich nicht mehr mit Frauen «freikaufen», sondern komme vor ein staatliches Scharia-Gericht.
Ich frage den Minister, was er vom Verbot der höheren Schul- und Universitätsbildung für Mädchen halte und warum seine Regierung, diese aus meiner Sicht unsinnige Massnahmen nicht aufgebe, zumal sie ja auch gewaltige Opportunitätskosten habe, letztlich ein wichtiger Grund sei für die Isolation Afghanistans.
Um diese Praxis, die mit dem Islam übrigens nicht zu tun habe, zu verstehen, müsse man in die Geschichte Afghanistans zurückblenden, erklärt Khairkhah, in die Zeit von König Ullah Khan. Dieser Monarch habe zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Briten endgültig besiegt und die rechtliche Unabhängigkeit Afghanistans vom Empire erstritten. Er sei dafür vom Volk verehrt und sozusagen urkundlich als Held gefeiert worden.
Nach dem Ersten Weltkrieg sei Ullah Khan in die Türkei gereist. Dort habe er den bedeutenden Reformer Atatürk kennengelernt. Der habe ihm erklärt, Afghanistan habe nur dann eine Zukunft, wenn es sich so konsequent wie die -Türkei dem Westen öffne, den islamischen Glauben zurückdränge, die Gesellschaft reformiere und manche Traditionen abschneide. Ullah Khan habe diese Forderungen übernommen, seine Frau begonnen, westliche Kleider zu tragen. Dann sei ein Burka-Verbot ergangen. Das habe zu Unruhe und Protest geführt, weil es die konservativen Afghanen nicht akzeptierten. Für sie sei es ein Ausverkauf ihrer Kultur gewesen.
Das Fass zum Überlaufen gebracht aber habe, dass Ullah Khan eine Gruppe junger Afghaninnen in Röcken nach Ankara zum Studieren schicken wollte. Darin hätten die Stammesgebiete einen Anschlag aufs Innerste ihrer Familienstrukturen, ihrer Lebensweise gesehen. «Fast über Nacht wurde aus dem Helden ein Verräter», sagt der Minister. Ullah Khan habe abdanken und ins Exil gehen müssen. Er starb 1960, übrigens in Zürich, im Schweizer Exil.
«Frauen sind die rote Linie»
«Die Frauen sind in Afghanistan die rote Linie», beendet der Taliban-Politiker seine Rede. Das Frauenthema sei hoch explosiv, und viele Afghanen hätten kein Verständnis, wenn die Regierung nach westlicher Vorstellung schon jetzt die Universitäten für Frauen wieder öffne. Dies gefährde die Sicherheit, den Zusammenhalt. Gerade die für den Sieg ausschlaggebenden Krieger aus den Land- und Berggebieten würden sich fragen: Wofür haben wir in den letzten zwanzig Jahren gekämpft, wenn wir doch wieder die westlichen Sitten übernehmen?
«Wenn wir jetzt die Universitäten und höheren Schulen öffnen, explodieren wieder Bomben in Afghanistan.» Der Islam verbiete die Ausbildung der Frauen nicht. Aber es sei der falsche Zeitpunkt. Sicherheit und Einheit hätten Priorität, die Ausbildung der Frauen komme danach. Er bitte um Verständnis. «Gebt uns Zeit, in spätestens fünf bis zehn Jahren ist Afghanistan bereit.» Man werde die Beschränkungen aufheben, ich solle ihm dies glauben.
Mahnend fügt er hinzu: Heute würden sich die afghanischen Frauen sicher fühlen, sicherer als jemals zuvor in den letzten dreissig, vierzig Jahren. 90.000 Lehrerinnen arbeiteten in Afghanistan, 112.000 Ärztinnen, sogar 5000 weibliche Polizeioffiziere. Allein vier Spitäler in Kabul seien ausschliesslich für Frauen reserviert. «Wären wir gegen Frauen, gäbe es dies nicht.»
Ein Zuschauer fragt mich per E-Mail, ob es in Kabul an Lebensmitteln mangle. -Diesen Eindruck habe ich nicht. Für meine Daily-Sendungen filme ich an Einkaufsstrassen und in Geschäften. Wir besuchen einen Laden für Gutbetuchte.Dort gibt auch Westmarken, von Lindt-Schokolade bis Gillette oder Nutella. Die Stände entlang der Strassen sind prall gefüllt mit Früchten oder Fleisch, Reis, Brot und allen anderen Nahrungsmitteln. In afghanischen Supermärkten sind die Regale ebenfalls voll. Dort ist es billiger als im Westmarken-Shop, und Mangel sehe ich nirgends. Doch ich erinnere mich, was der NGO-Mann sagte: «Kabul ist eine Vitrine.» Man dürfe nicht verallgemeinern.
Ein Schweizer Leser schreibt mir, ich solle unbedingt seinen Schwiegervater in Kabul treffen, HSG-Absolvent, Schweizer, ursprünglich -Afghane, aus alter Familie, heute wohnhaft in Lostorf, Solothurn. Die Whatsapp-Nummer liegt bei. Gleich rufe ich an. Eine freundliche Stimme meldet sich. Abgemacht, wir treffen uns.
Sieben Jahre in amerikanischer Haft
Zuvor besuchen wir in seinem Gästehaus den afghanischen Gesundheitsminister, Mawlawi Noor Jalal Jalali, Veteran der Taliban, bereits in der ersten Phase der neunziger Jahre als stellvertretender Minister dabei, dann inhaftiert, sieben Jahre im US-Stützpunkt Bagram, nach dem Abzug der Amerikaner Truppenkommandeur im Osten. Dort soll er erfolgreich den IS niedergeschlagen haben.
Seine Gäste empfängt der Weissbärtige, eine würdevolle Erscheinung, Mischung aus Ayatollah Khomenei und Christopher Lee, persönlich im Wohnzimmer. Er bietet uns Tee und hervorragende Granatäpfel an. Seine Exzellenz, wie ihn der Übersetzer nennt, spricht ein hervorragendes Englisch, lässt dennoch übersetzen. Wie beurteilt er die Lage? Afghanistan habe den Krieg gewonnen. Was müsse es tun, um auch den Frieden zu seinen Gunsten zu entscheiden?
Talibanisches Lob für die Schweiz
Jalal Jalali antwortet mit einem Gleichnis. «Wenn auf einer Ebene zwei Löwen kämpfen, frage den Fuchs, der vom Felsen aus zuschaut, was zu tun sei, wenn die Kämpfe enden.» Der Zuschauer wisse es besser als die Kämpfer. Was also würde ich als neutraler Schweizer den Afghanen raten? Ich verspreche eine Antwort am Ende unseres Gesprächs.
Jalali kennt mein Land. Im Juli letzten Jahres war er in Genf an einer Konferenz der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Thema Kinderlähmung. Während der Tagung bekam er plötzlich Herzprobleme und musste ins Spital. Aus dem Rühmen der Schweizer Ärzte kommt er kaum heraus. «Es wäre mein Traum, mit Ihrem Land zusammenzuarbeiten.»
Zuerst erzählt er von seiner Haft im US-Stützpunkt Bagram. «Eines Tages packten sie mich. Ich wusste nicht warum. Zwar hatte ich einen Posten in der Regierung, aber ich war nicht beteiligt an regierungsfeindlichen Aktionen. Als ich die Amerikaner fragte, warum ich inhaftiert werde, befahlen sie mir, ich solle den Mund halten. Ich sagte ihnen, dieser Hass, diese Unterdrückung werde auf sie zurückfallen, er werde sie selber treffen. Sieben Jahre sass ich in Haft. Am Anfang war nur Hass, am Ende lachten wir uns sogar zu. Man fragt uns, ob wir unseren Feinden vergeben. Wir haben es schon lange getan. Der Krieg liegt hinter uns. Dabei sind die Amerikaner Fremde. Wenn wir ihnen vergeben können, können wir auch unseren Landsleuten vergeben, die mit den Amerikanern zusammengearbeitet haben.»
«Erstmals können wir aufatmen»
Die gesundheitliche Lage sei dramatisch. Die meisten Afghanen hätten kein Geld für medizinische Behandlungen. Deshalb müsse man die Gesundheitsversorgung gratis zur Verfügung stellen. «Der Emir wollte Geld verlangen, aber ich überzeugte ihn, dass wir das nicht tun dürfen.» Die Amerikaner behaupten, sie hätten 20 Milliarden Dollar in Spitäler investiert. «Ich wünschte mir, es wäre wahr», sagt Jalali, «doch das Geld ist verschwunden. Wer es sich leisten kann, lässt sich im Ausland behandeln.»
Es herrsche ein Mangel an allem, an Einrichtungen, an Geräten, an Geld. In Afghanistan gebe es 413 Distrikte, nur 92 davon hätten ein Spital. Krebs breite sich aus. Endlich baue man nun eine Krebsklinik in Kabul. Herz-Kreislauf-Krankheiten seien ebenfalls auf dem Vormarsch. Die grösste Herausforderung allerdings bleibe, den Frieden zu bewahren. Er habe die Waffen niedergelegt. Nun kämpfe er für die Gesundheit.
«Erstmals können wir aufatmen.» Es seien gute Dinge getan, Reformen angestossen worden. Die Regierung habe den Drogenhandel verboten. Die Sicherheit sei gewährleistet, das müsse man im Westen glauben. Gross sei nach wie vor die Arbeitslosigkeit, aber solange Frieden herrsche, werde man auch dieses Problem lösen. Davon sei er überzeugt.
Wo sieht der Minister Bedrohungen des Friedens? Die Afghanen seien kein kriegerisches Volk, erst recht nicht die Taliban. «Wir verteidigen nur unsere Heimat.» Anders als frühere Regierungen würden die Taliban versuchen, mit allen Afghanen zu reden, iauch draussen in den Randgebieten. «Wir bemühen uns, bescheiden zu bleiben. Ich nenne mich, wenn ich vor die Leute trete, nicht Minister, sondern Diener. Das sind wir, Diener des Volkes. Schauen Sie sich um, wir leben einfach, im Einklang mit unseren religiösen Gesetzen.»
Was sei das Wichtigste, um Afghanistan zu verstehen? Der Minister spricht aus, was ich in vielen Gesprächen höre: «Konzentriere dich auf dein Land, und lass die Afghanen sich auf ihr Land konzentrieren. Wir haben so viele Jahre gelitten, jetzt wollen wir unsere Heimat wieder in Ordnung bringen.» Wenn wir dies verstehen, könnten wir mit Afghanistan hervorragend zusammenarbeiten. «Die internationale Gemeinschaft sollte die Afghanen nicht bevormunden, aber auch nicht allein lassen. Wir sind gute Menschen. Ihr solltet uns helfen.»
Neutralität für Afghanistan
Nun will er meinen Rat hören. Für mich, gebe ich zur Antwort, sei Afghanistan eine Art Schweiz Zentralasiens, Binnenland, hohe Berge, wichtige Pässe, viele Völker und Mentalitäten, mächtigere Nachbarn. Wir würden den Afghanen eine föderalistische Staatsordnung empfehlen und die Neutralität nach Schweizer Art: Starkes Alpenréduit der Selbstverteidigung mit einem unbezahlbar hohen Eintrittspreis für jeden Aggressor, gleichzeitig aber eine Politik der weltoffenen Bündnisse, möglichst viele Verträge abschliessen, um sich von keinem vereinnahmen zu lassen.
Der Minister nickt zufrieden und stimmt mir zu. Das sei genau die Politik seiner Regierung. «Absolute, bedingungslose Neutralität», wie man sie in der afghanischen Geschichte übrigens schon unter den Königen gepflegt habe, leider nicht immer erfolgreich.
Wie sieht der Minister die Lage in Europa? Verfolgt man in Afghanistan den Ukraine-Krieg, die Migrationskrise, die innenpolitischen Turbulenzen innerhalb der EU? «Wir sehen natürlich den Krieg im Osten Europas, die enormen, ungelösten Migrationsprobleme. Wir kennen das alles.» Das Wichtigste sei die Beendigung des Krieges, die Rückkehr zum Frieden. Krieg vergifte alles. «Wir hoffen und beten für den Frieden in Europa.»
Eine letzte Frage noch. Wie muss man sich das Privatleben eines früheren Taliban-Kommandanten und heutigen Ministers vorstellen? Jalal Jalali lächelt: «Ich wünschte, ich hätte ein Privatleben, aber unsere Bürde ist zu gross.»
Unlängst habe er einen alten Bekannten getroffen. Der habe ihm von seinen Kindern berichtet, wie gross sie geworden seien. «Er zeigte mir mit der Hand, vertikal, die ungefähre Körpergrösse seiner Söhne und Töchter.» Darauf habe er den Minister gefragt, wie es um dessen Kinder stehe. «Ich zeigte mit meinen Händen ebenfalls die Grösse an, allerdings nicht vertikal, sondern horizontal.»
Der Bekannte habe ihn darauf gefragt, weshalb er die Grösse nicht vertikal, sondern horizontal angebe. «Ich muss ihm sagen, dass meine Kinder noch im Bett sind, wenn ich das Haus am Morgen verlassen, und bereits schlafen, wenn ich abends nach Hause komme. Also weiss ich nur, wie sie liegend aussehen, nicht stehend.» Mit einem finalen, versonnenen Lächeln steht der Minister auf, bedankt sich herzlich und verlässt mit seinem Gefolge von etwa vier Leuten den Raum.
Der Lord, den sie «Onkel» nennen
Vor der Abfahrt in die Berge findet das kurzfristig aufgegleiste Treffen mit Mohammed Sedick Hamed statt, dem Schweizer Afghanen aus dem Kanton Solothurn. Seine Familie entstammt einer alten afghanischen Dynastie von Aristokraten mit erheblichem Landbesitz seit 300 Jahren, wobei die Ländereien zwischendurch beschlagnahmt, enteignet, zum Teil zerstört worden seien. Erst in den letzten Jahren schaffte es der Ökonom mühsam, die alten Besitztümer wieder unter die Kontrolle der Familie zu bringen. Heute lebt er, wie er mir erzählt, acht Monate pro Jahr in Afghanistan, entwickelt seine Ländereien, im Einverständnis mit seiner Frau und der Familie, die er sehr vermisst. Hamed hat zwei Söhne und zwei Töchter, zwei seiner Kinder seien spezialisierte Ärzte, ein Sohn habe Geschichte und Literatur studiert, seine jüngste Tochter an der Uni Bern ihre Masterarbeit in Biologie eingereicht, «auf Englisch», wie der Vater stolz betont.
Hamed kam 1970 als junger Mann in die Schweiz und studierte Wirtschaft an der Hochschule St. Gallen, war Produktmanager in einer Möbelfirma, machte sich als Unternehmer selbstständig, «mässig erfolgreich», wie er anfügt, und arbeitete dann als Analyst beim Bund. Die Schweiz-Verbindung kam durch seinen Vater zustande, Dr. Abdul Samed Hamed, der an der Universität Bern Rechtswissenschaften studierte und in den sechziger Jahren den letzten König Sahir Schah überzeugte, von der absoluten Monarchie zum Konstitutionalismus überzugehen. Dr. Hamed schrieb auch mit an der Verfassung.
Sedick Hamed erscheint pünktlich mit seinem Sekretär in der Lobby. Er trägt die traditionellen Kleider Afghanistans, sehr distinguiert, mit einer eleganten Weste und einem Jackett, das auch einem englischen Landadeligen stehen würde. Sein Bart ist grau und kurz geschnitten. Auf seinem Kopf sitzt leicht geneigt eine Karakul-Mütze aus dem Fell neugeborener Lämmer. Dieses traditionelle Accessoire sei leider, sagt Herr Hamed fast entschuldigend, wegen des früheren Präsidenten Karazai in Verruf geraten, doch er habe es gerne an und widersetze sich insofern dem politmodischen Zeitgeist in der Hauptstadt.
Sein Sekretär spricht ihn mit «Sardar» an, Lord, doch Hamed korrigiert ihn freundlich: «Nenn mich Onkel!» Das sei keine Kleinigkeit, erklärt er mir. Afghanistan habe, wie die Schweiz, uralte egalitäre Traditionen. Es sei verpönt, hier seinen Reichtum oder seine Position zur Schau zu stellen. Er sei zwar selber nicht reich, habe aber etliche Ländereien, «klein für Afghanistan, aber Grossgrundbesitz nach Schweizer Massstäben». Die Leute würden Angebereien überhaupt nicht schätzen. «Man darf nicht sehen, wer der Lord und wer der Bauer ist.»
Ich frage Herrn Hamed, wie er die Lage in Afghanistan heute beurteile. Sein Fazit ist optimistisch: «Was ich sehe, was vielleicht 90 Prozent der Afghanen spüren, ist ein sich ausbreitendes Gefühl der Sicherheit. Man hat keine Angst mehr, in der Nacht irgendwo hinzufahren.» Weiter falle ihm auf, dass sich die Taliban grösste Mühe geben, auf die Bevölkerung einzugehen, den Leuten entgegenzukommen. Man behandle die Bürger nicht von oben herab, spiele ihnen kein Theater vor. Vorgestern sei er beim Landwirtschaftsminister vorstellig geworden. Gemeinsam habe man auf dem Boden gesessen, «es gibt kein Oben und Unten».
Der Solothurner rühmt die Sicherheit der Landstrassen. Mehrmals pro Monat müsse er in den Osten fahren, in die Umgebung von Dschalalabad. Unter den Amerikanern seien Entführungen, Schiessereien und Korruption durch Verbrecherbanden an der Tagesordnung gewesen. Auf den Landstrassen habe es nur beschränkten Verkehr gegeben, in der Nacht aus Sicherheitsgründen fast keinen. Bereits auf den Ausfahrtstrassen von Kabul hätten Gangster mit Steinen die Fahrbahn blockiert. «Man musste stoppen und wurde ausgeraubt. Wer sich weigerte, zu kooperieren, dem schossen sie, wenn man Glück hatte, nur in die Beine.»
«Das Geld hat Afghanistan vergiftet»
«Das viele Geld, das von aussen reinfloss, hat Afghanistan vergiftet.» Wenn er heute jemanden jammern höre, es gebe kein Geld mehr, rufe er ihm zu: «Sei doch froh! Jetzt müssen wir uns etwas einfallen lassen! Selber kreativ sein.» Er sei kein persönlicher Gegner des früheren Präsidenten Karzai. Er kenne ihn auch und habe ihn in Kabul schon getroffen. Die Regierung investiere viel in dessen Sicherheit. Doch einen Vorwurf könne er dem einstigen Machthaber aus namhafter Familie nicht ersparen. Mit all den Entwicklungsmilliarden sei fast nichts aufgebaut worden, von ein paar Häusern und Strassen abgesehen. Vor allem fehle es an Spitälern. «Das Geld versickerte auf Auslandskonten und in den Taschen der vielen Profiteure.»
Dies halte er den Taliban zugute, dass sie die Einfachheit, bis jetzt, über den persönlichen Vorteil stellen. Dann und wann beobachte er aber auch bei ihnen dummes Verhalten, etwa wenn regierungsnahe Kreise sich kleine Privilegien herausnehmen, nicht anstehen, bei Kontrollposten auf der Seite an den anderen Autos vorbeifahren. Das sei nicht gut. Doch man dürfe die Afghanen nicht unterschätzen. Sie hätten immer wieder bewiesen, dass sie Regierungen stürzen, wenn sie gegen das Interesse der Bevölkerung handeln.
Die Taliban würden falsch beurteilt. Er selber sei gläubiger Muslim, halte aber zur Politik Distanz. Die falsche Berichterstattung sei ein Elend. Er habe die Taliban schon in den neunziger Jahren erlebt, dann die amerikanische Besatzung und schliesslich die Rückkehr der Koranschüler vor viereinhalb Jahren. Schon die ersten Taliban hätten vieles richtig gemacht, den Bürgerkrieg beendet und die für den Zusammenhalt des Landes so wichtigen Traditionen verteidigt, auch wenn dies viele im Westen befremde. Hätten die Amerikaner Afghanistan 2001 nicht bombardiert, vermutet er, wären die Taliban wohl an der Macht geblieben. «Sie hatten grossen Rückhalt im Volk.»
Frauen waren Sexobjekte
Auch die Frage der Frauenrechte müsse man differenziert betrachten. Die gängige Meinung, die Taliban seien frauenfeindlich, halte er für falsch. Vor dem Emirat habe man in ländlichen Gebieten kaum je eine Frau auf der Strasse getroffen. Er habe mit vielen Frauen gesprochen, die während der USA-Zeit ihr Haus nur im Notfall verlassen hätten. «Viele Frauen sind damals, wie sagt man, Sexobjekte gewesen, Freiwild. Ihre Stellung war niedrig.» Es habe Übergriffe gegeben, Belästigungen. An den Universitäten sei es vorgekommen, dass die Söhne einflussreicher afghanischer Kommandeure hübsche Mädchen angemacht und Druck ausgeübt hätten auf deren Familien. «Viele Eltern, die ihre Töchter haben studieren lassen, haben sie von sich aus wieder von der Schule genommen.» Das seien Tatsachen, die man bei uns nicht zur Kenntnis nehme.
Nach seiner Beurteilung habe die Frau in Afghanistan heute eine bessere Position als jemals in den vergangenen zwanzig Jahren. Afghanische Tradition sei es, Frauen im Alltag nicht zu berühren. Man halte respektvoll Distanz. Heute seien in ländlichen Gegenden, wo er früher kaum Frauen auf den Strassen, auf den Märkten gesehen habe, so viele Frauen unterwegs, dass es fast unmöglich sei, sie nicht zu berühren. Gerade dort beobachte er ein wachsendes Selbstbewusstsein. Das habe viel mit der Verbesserung der allgemeinen Sicherheitslage zu tun. Frauen zeigten keine Angst vor Männern, wirkten nicht eingeschüchtert. «Ich sehe bei mir auf dem Land, wie Frauen an Marktständen mit Männern regelrecht streiten, die Preise herunterhandeln. Sie reden laut und stolz. Das ist keine Atmosphäre der Einschüchterung, der Diskriminierung.»
Die Regierung, diesen Eindruck habe er, sei nicht gegen die Ausbildung der Frauen, aber man wolle zuerst die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Zudem gebe es Privatschulen für Mädchen. Das sei zwar nicht optimal, aber auch nicht nichts. Die Regierung müsse darauf achten, nicht als Erfüllungsgehilfe westlicher Forderungen zu gelten. Die Frage der Bildung und der Frauenrechte nach europäisch-amerikanischem Vorbild sei ein Postulat jener Länder, die sich immer wieder gewaltsam in die afghanischen Angelegenheiten eingemischt hätten: «Es muss gelingen, die Türe für Reformen einen Spalt breit aufzustossen, aber eben so, dass die Würde, die Integrität der Afghanen nicht verletzt werden.» Es gebe auch ein Menschenrecht auf die organische Eigenentwicklung eines Landes in Übereinstimmung mit der eigenen Kultur. «Afghanistan braucht Zeit.»
Wie würde er einem NGO-Vertreter antworten, der die Taliban als repressive Glaubensdiktatur beschreibt? «Was erwartet man im Westen?», fragt Sedick Hamed zurück, «Afghanistan hat fünfzig Jahre Krieg hinter sich, Millionen von Toten, Ausbeutung, Korruption, Armut, Zerstörung. Diese Zeit, ein halbes Jahrhundert, hat die Seelen verwüstet.» Es brauche Regeln, es brauche eine Ordnung, die den Leuten die Möglichkeit gebe, einigermassen zur Ruhe zu kommen und zu einer gewissen Einheit zu finden in einer äusserst heterogenen Gesellschaft. Er halte die Regierung des Emirats für pragmatischer, als man im Westen glaube. «Es werden weder Frauen gesteinigt noch Hände abgehackt.» Durch die Scharia seien die Rechte der Frauen vor allem in einigen der konservativsten Gebiete gestärkt worden.
Man habe in Afghanistan heute einen islamischen Rechtsstaat. «Wir sind nicht im Paradies, aber wir haben dankbar zu sein, wo wir angesichts der Umstände stehen und dass der letzte Machtwechsel am Ende so unblutig verlief. Ich habe die Gerichte erlebt, man kann sich wehren. Es herrschen Recht und Gesetz.»
Auf der anderen Seite sehe er, dass es mächtige Interessen gebe, die Entwicklung in Afghanistan schwarzzumalen. Natürlich habe es Verlierer gegeben, auch Frauen. Viele von ihnen seien heute als Flüchtlinge im Westen. Von ihnen werde man kein freundliches Wort über die aktuellen Entwicklungen hören. Ähnlich beurteilt er manche, nicht alle NGOs und Flüchtlingshilfswerke. Auch sie lebten leider von den Missständen, auch den angeblichen, die es in Afghanistan zu beseitigen gelte. «Vielen NGOs bringt es Geld, wenn sie Horrorgeschichten über Afghanistan verbreiten.»
«Afghanistan ist sicher»
Sollen, können die Flüchtlinge aus Europa zurückkehren? Was würde er dem Vater mit den drei Töchtern raten? «Afghanistan ist sicher, und das Land ist nicht am Verhungern. Das sage ich als Grossbauer, als Landwirt. Wir sind sogar in der Lage, die gewaltigen Migrationsströme aus Pakistan und dem Iran aufzufangen. Die Währung ist stabil. Die Preiskontrollen, vor allem beim Brot, scheinen zu funktionieren.»
Natürlich sei das Leben in der Schweiz viel angenehmer als hier, aber die Regierungen im Westen setzten falsche Anreize, indem man den Migranten Geld gebe, Wohnungen zuweise, kostenlose Gesundheitsversorgung. Das habe Sogwirkung. Soll der Vater mit den Töchtern zurückkehren? «Das muss jeder für sich beurteilen», sagt Herr Hamed. Er plädiere für Verantwortung, wer könne und wolle, wer wirklich bereit dafür sei, solle seinem Land helfen. Er glaube der Regierung, dass sie ihren Feinden verziehen habe und deren ehemaligen Mitarbeitern. Nach fünfzig Jahren Krieg könne sich Afghanistan Feindschaften, Rachefeldzüge, Vergeltungen gar nicht leisten. Man habe konkrete sachliche Aufgaben, die alle Energien beanspruchen.
«Afghanistan unter dieser Regierung, davon bin ich wirklich überzeugt, ist erstmals seit dem Sturz des Königs 1973 wieder auf einem guten Weg. Die Chancen auf eine Wiedergeburt sind intakt. Das goldene Zeitalter ging in Kriegen und Zerstörung unter, doch auch die Schweiz und Deutschland seien heute nicht mehr so schön wie vor fünfzig Jahren. «Wir Afghanen haben die Nase voll vom Krieg.» Die Taliban seien Patrioten. Nie mehr seit dem Untergang der Monarchie seien so viele Afghanen hinter der Regierung gestanden wie heute.
Es ist fast Mittag. Wir wollen uns an einem der kommenden Tage noch einmal treffen. Vielleicht kann uns Herr Hamed in den Osten begleiten. Ich bin etwas verwirrt. Ist es möglich, dass wir im Westen, in der Schweiz so falschliegen? Vielleicht. Afghanistan, so viel habe ich bis jetzt begriffen, ist ein kompliziertes, vielschichtiges Land. Hüten wir uns davor, zu glauben, wir würden, wir könnten es verstehen. Es gibt viele Wahrheiten. Und immer stimmt wohl auch das Gegenteil. Den Afghanen traue ich zu, dass sie besser wissen als wir, was gut ist für Afghanistan.
Wir brechen auf. Ich bin gespannt. Zuerst geht es in den Westen der Stadt. Wir besuchen eine neue Moschee. Ein verspätetes Mittagessen ist im legendären «Kabul Intercontinental Hotel» geplant, über das ich schon so viel gelesen habe. Was von der einstigen Herrlichkeit wohl übriggeblieben ist? Am Nachmittag fahren wir an einen Stausee mit Freizeitpark und Gartenwirtschaft. Dort bin ich mit einem jungen islamischen Rechtsgelehrten mit Doktortitel verabredet, Scharia-Experte. Auf seinem Handy hat er mir bereits Bilder seiner zweijährigen Tochter gezeigt, die er über alles liebt.

