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Die Weltwoche

«Wolf und Berglandwirtschaft gehen nicht zusammen»

Interview

«Wolf und Berglandwirtschaft gehen nicht zusammen»

Der Biologe Marcel Züger sieht die Artenvielfalt im heutigen Alpenraum durch den Wolf bedroht. Er erklärt, warum Naturschutzverbände falschliegen.

Weltwoche: Herr Züger, der Wolf macht Schlagzeilen. Die jüngsten Abschusszahlen wecken Debatten und Empörung, ebenso die kürzlich bekanntgewordene Begegnung eines Wolfs mit Kindern. Verstärkt sich da eine Polarisierung?

Marcel Züger: Im Gegenteil. Wenn vor fünf Jahren ein einzelner Wolf erlegt wurde, schlugen die Wogen höher, als wenn jetzt hundert Stück geschossen werden. Die Gesellschaft realisiert, dass sie von den Umweltorganisationen hinters Licht geführt wurde.

«Wie ein normales Wildtier»: Naturschützer Züger.

 

Weltwoche: Sie sagen, der Wolf sei ein Popstar. Was heisst das?

Züger: Popstars sind eine Projektionsfläche, das Produkt von Wünschen und Sehnsüchten. Der Wolf ist der neue Marlboro-Mann. -Früher sass ein kerniger Cowboy mit dem Glimmstängel am Lagerfeuer, und die Werbung impfte ihm den «Geschmack von Freiheit und Abenteuer» ein. In -bester -PR-Manier wurde der gleiche Nimbus dem Wolf aufgeprägt. Der Wolf als pelzgewordene Antithese zu Naturentfremdung, Verstädterung, Entmenschlichung der Gesellschaft, zur -sogenannten Zuvielisation. 

 

Weltwoche: Tut sich ein Stadt-Land-Graben auf?

Züger: Weniger ein Graben zwischen Stadt und Land als vielmehr eine Kluft zwischen Theoretikern und Praktikern, zwischen Bürokraten und Pragmatikern. Je naturferner die Leute leben, umso grösser ist die Sehnsucht nach sogenannt unberührter Natur. Ich kann nur jedem sagen: Mach eine sinnvolle Tätigkeit als Bauer, Hirt oder Waldarbeiter, mach etwas für die Natur. Früh aufstehen, schwitzen, frieren, lange Arbeitstage. 

 

Weltwoche: Soll also nur die Landbe-völkerung über das Dasein der Wölfe richten?

Züger: Nein, ganz und gar nicht. Unsere direkte Demokratie, Entscheide gemeinsam zu treffen, ist ein hohes Gut. Aber es braucht Respekt und Verständnis. Wenn die Betroffenen sagen, die Koexistenz funktioniere nicht, dann könnte man doch mal auf sie hören. Und wer es nicht glaubt, soll sich die Sache von nahem anschauen. Ich hatte selber 1997 geschrieben, wir sollen «den Wolf in seiner alten Heimat wieder willkommen heissen». Damals streunten ab und zu ein paar Einzeltiere durch unser Land. Als es anfing zu eskalieren, hatte ich einen Sommer lang x Orte mit Nutztierrissen besucht, mir alles erklären und zeigen lassen. Mein Fazit tut mir selber leid: Wolf und Berglandwirtschaft gehen nicht zusammen. 

 

Weltwoche: Wie stark soll sich die Landwirtschaft zugunsten des Artenschutzes einschränken?

Züger: Wolfsschutz ist nicht Artenschutz. Berglandwirtschaft, die Pflege der Alpweiden ist gelebter Artenschutz. Seit 500 Jahren gibt es nahezu keine Wölfe mehr in der Schweiz. In dieser Zeit hat sich eine Bewirtschaftungsform entwickelt, die wir uns besser nicht ausdenken könnten. Der Mensch nutzt, und die Natur profitiert. Die bewirtschaftete Kulturlandschaft ist viel artenreicher als die Wildnis. An manchen sehr intensiv genutzten Orten ist das nicht mehr so, im Berggebiet aber schon.

 

Weltwoche: Schaden Wölfe demnach der Artenvielfalt?

Züger: Ja, und zwar gewaltig. Zumindest hier in Europa. Was bewirken Wölfe hier? Als Erstes werden genau die Viehweiden aufgegeben, die besonders artenreich sind. Denn gerade diese Flächen lohnen sich für den Bauern am wenigsten. Wenn da keine Tiere mehr weiden, wachsen sie zu, die seltenen Arten verschwinden. 

 

Weltwoche: Man könnte doch einfach mehr Nationalpärke einrichten, wie im Engadin.

Züger: Der Nationalpark ist eine gute Sache. Seine Aufgabe ist aber nicht der Schutz von ausgesuchten Arten, sondern dass die natürlichen Prozesse unbeeinflusst ablaufen können. In überschaubarem -Rahmen ist -dieser Kontrast zu genutzten und gepflegten Landschaften wichtig. Den gefährdeten Arten hilft er aber nicht. Um die ganze einheimische Artenvielfalt zu erhalten, ist die Pflege von Mooren, Magerwiesen und -Alpweiden -unverzichtbar. 

 

Weltwoche: Die Umweltorganisationen sagen, der Wolf habe eine -regulierende Funktion, weil er ein Spitzenprädator ist.

Züger: Der Wolf sitzt an der Spitze, so wie der Wetterhahn auf der Turmspitze. Der Wetterhahn hält das Haus aufrecht, genau gleich wie sich Baron Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zog. Im Ernst: Der Wolf hat eine Daseinsberechtigung wie jedes andere Lebewesen auch, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Eine spezielle Rolle hat er bei uns nicht. 

 

Weltwoche: Sind Sie der Einzige, der diese Ansicht vertritt?

Züger: Die Debatte wird weitgehend Wildbiologen und Wildnisaktivisten überlassen. Die Artenschützer, Insektenkundler, Ornithologen, Botaniker und so weiter müssten sich auch zu Wort melden. Die Toleranz gegenüber anderen Analysen ist allerdings gering.

 

Weltwoche: Wie müsste denn mit dem Wolf umgegangen werden?

Züger: Wir müssten ihn behandeln wie ein normales Wildtier. Wir haben es mit einem potenten Landraubtier zu tun, und wir -meinen, ihm mit Stuhlkreisen begegnen zu können. Das ist nicht Naturverständnis, sondern Verklärung. Apollofalter, Auerhahn und Wolf haben unterschiedliche Lebensraumansprüche. Mit einem klugen Management können wir alle Ansprüche unter einen Hut bringen. Das geht aber nicht, wenn wir eine einzelne Tierart über alle anderen stellen.

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