Magie des Geldes: Morgens geht man mit 200 Franken im Portemonnaie aus dem Haus, am Abend kommt man zurück mit fünfzig Franken, guter Laune und einer frisch erworbenen Jacke im Wert von 250 Franken. Aus 200 mach 300. Wunderkaufkraft!
Das ist nicht alles. Der Detailhandelsladen hat an diesem Tag 15 000 Franken an Verkaufserlösen eingenommen, aber dessen Kunden sind mit Einkäufen im Wert von über 20 000 Franken zur Tür hinausgegangen. Und die ganz grossen Zahlen: In der Schweiz betrugen die Ausgaben für privaten Konsum 2024 rund 420 Milliarden Franken. Aber in Wirklichkeit haben die Leute viel mehr Genuss aus ihrem Konsum gehabt, als sie bezahlten. Wie geht das? Dem Markt sei Dank.
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Emotionales Auftanken
Märkte gelten für viele als Ort der fehlenden menschlichen Anteilnahme, der Kälte. Dort, wo man gegeneinander kämpfe, abgezockt werde, wo die Konkurrenz regiere und nackte Zahlen zu Preisen und Mengen die Szene beherrschten, dort kämen wahre Werte und gute Gefühle zu kurz.
Schaut man aber näher hin, muss man sagen: In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall. Märkte sind ein Ort, wo man sich freiwillig trifft, Neues erfährt, sich bei Bedarf auf einen Tausch einigt, der beiden Seiten etwas bringt, beide erfreut und sie in gewisser Hinsicht zu Freunden macht. Es ist ein Lagerfeuer, ein emotionales Auftanken. Werte und Gefühle kommen nicht zu kurz – auch weil viele Leute unwillkürlich begreifen, dass es zwischen Preis und Wert einen Unterschied gibt. Es gibt den Preis, und es gibt den Wert.
Denn das, was man sieht, ist nicht unbedingt das, was man fühlt. Die Preisetikette auf dem Markt ist das eine, der Wert, den das Gut hat, das andere. Wenn man das eine ausblendet, klemmt es. Oscar Wilde formulierte in «Lady Windermeres Fächer» den bekannten Ausspruch: «Ein Zyniker ist ein Mensch, der von allen Dingen den Preis kennt und von keinem den Wert weiss.» Das mag für all jene gelten, die allein auf die Preisetiketten schauen und sich nicht klarmachen, was alles mit dem Tauschen am Markt zusammenhängt.
Aber den meisten Leuten sind die damit verbundenen Werte mehr oder weniger bewusst. Sie entschliessen sich am Markt dann zum Kauf, wenn das begehrte Stück ihnen mindestens so viel wert ist – nach ihren eigenen Wertvorstellungen – wie der angegebene Kaufpreis. Es gibt viele Fälle, in denen sie mehr zu zahlen bereit wären – aber wenn sie nicht müssen, umso besser, dann machen sie ein Schnäppchen, ein Plus. Wer um vier Uhr nachmittags nach achtstündiger Wanderung müde auf dem Bergpass steht und für die Talfahrt ins Postauto steigt, würde für den Transport wohl hundert Franken hinlegen, da ist der Billettpreis von fünfzehn Franken ein Klacks – und die Differenz ein Geschenk.
So sind viele Waren einem grossen Teil der Konsumenten mehr wert als der angeschriebene Preis. Die Käufer erhalten quasi stillschweigend einen Zuschlag. In der Ökonomie nennt man das eine Rente, die Konsumentenrente. Lehrbuchmässig ausgedrückt: Die Konsumentenrente quantifiziert den Nettovorteil, den Konsumenten aus dem Kauf eines Gutes oder einer Dienstleistung ziehen. Sie drückt aus, um wie viel die Käufer durch die Möglichkeit, Güter auf dem Markt zu erwerben, insgesamt bessergestellt werden. Wenn eine Jacke für 150 Franken über den Ladentisch geht, der Käufer aber auch 250 Franken gezahlt hätte, hat er einen Zustupf von hundert Franken.
Nulltarif-Digitalleistungen
Typischerweise herrscht ein bestimmter einheitlicher Marktpreis: so hoch, dass die angebotenen Mengen gerade etwa verkauft werden. Vielen Interessenten ist dieser Preis zu teuer, sie kaufen nichts. Aber einem beträchtlichen Teil ist die Ware erheblich mehr wert als der Preis. Erst recht bei Nulltarif-Digitalleistungen. So summieren sich ihre Konsumentenrenten zu einem Wohlfahrtsgewinn, der den Markt zum sozialen Ort, einer Veranstaltung von Rentenempfängern macht.
Klar, die Anbieter versuchen, je nach Fall von der einheitlichen Preisetikette abzuweichen, die Zahlungsbereitschaft einzelner Gruppen oder Leute zu erahnen und einen massgeschneiderten Preis zu verlangen, um so die Konsumentenrente an sich zu ziehen. Rabatte für gewisse Kunden etwa dienen zur Preisdifferenzierung. Und ganz raffiniert ist die Methode, die auf den ersten Blick äusserst menschlich daherkommt: «Bezahlen Sie einfach so viel, wie es Ihnen wert ist.»

