Weltwoche: Die Schweiz verfeinert rund 70 Prozent des weltweiten Goldes. Wie konnte das Land diese führende Position einnehmen?
Frank Suess: Edelmetalle sind nach Pharmazeutika das zweitgrösste Exportgut der Schweiz. Offizielle Zahlen variieren, aber die Schweizer Raffinerien verarbeiten mit Sicherheit einen erheblichen Anteil des globalen Goldes. Dabei handelt es sich sowohl um primäres Material aus Minen, sogenanntes Doré-Gold, als auch um Sekundärmaterial, also rezykliertes Gold aus dem Anlagebereich, genannt Bullion, und aus Schmuck, Uhren oder industriellen Abfällen, etwa aus der Elektronik- oder Autoindustrie. Dieses Recycling leistet einen wichtigen ökologischen Beitrag, da etwa 20 bis 30 Prozent des verarbeiteten Goldes aus solchen Quellen stammt. Die Schweiz verdankt ihre globale Führungsrolle einer einzigartigen Kombination aus historischer Expertise, politischer Stabilität und einer hochentwickelten Finanzinfrastruktur. Bereits 1968 legten die drei grössten Schweizer Banken – die Schweizerische Bankgesellschaft (SBG), der Schweizerische Bankverein (SBV) und die Schweizerische Kreditanstalt (SKA) – mit der Gründung des Swiss Gold Pools den Grundstein für den internationalen Goldhandel. Ziel war es, den globalen Handel mit physischem Gold zu koordinieren und Zürich sowie Genf als Drehkreuze zu etablieren. Obwohl der Einfluss des Swiss Gold Pools in den 1970er Jahren zugunsten Londons abnahm – ausgelöst durch die Ablösung des Goldstandards und die Einführung von Fiat-Währungen –, blieb die Schweiz ein zentraler Akteur. Heute haben vier der weltweit grössten Raffinerien, Argor-Heraeus, Valcambi, Metalor und MKS PAMP, ihren Hauptsitz in der Schweiz. Diese verarbeiten nicht nur Gold aus Minen, sondern auch Altgold aus Europa, Nordamerika und Asien. Unsere Firma, BFI Bullion, berät Kunden aus über achtzig Ländern, die auf die Sicherheit der Schweiz vertrauen. Die in der Verfassung verankerten Eigentumsrechte, die zentrale Lage in Europa und die moderne Logistik schaffen ideale Bedingungen für die Lagerung und den Handel von Edelmetallen. Zudem fördert die Innovationskraft Schweizer Unternehmen den technologischen Fortschritt der gesamten Branche.
Alberto Bernasconi/laif
Weltwoche: Sie sind Mitgründer und Verwaltungsratspräsident der Firma aXedras Group AG, die einen innovativen digitalen Standard für die Goldindustrie entwickelt hat. Was sind die wichtigsten Eckpunkte dieser Lösung?
Suess: Unsere Vision, die 2017 entstand, ist es, die Goldindustrie durch Digitalisierung zu transformieren und nachhaltig zu stärken. Unser Kernprodukt, der Bullion Integrity Ledger, ist eine B2B-Plattform, welche die gesamte Lieferkette der Edelmetallindustrie digitalisiert, von der Mine bis zum Investor. Jeder Goldbarren erhält bei seiner Entstehung einen «digitalen Zwilling», der Herkunft, Produktmerkmale und Lagerhistorie in einem «Integrity Certificate» festhält. Das physische Edelmetall wird dadurch mit digitaler Transparenz versehen, die dank der dezentralisierten Verwaltung auf dem Distributed Ledger nicht fälschbar oder duplizierbar ist. Für eine Industrie, in der sich die Zertifikate bisher auf leicht fälsch- oder verlegbare, physische Papierdokumente, die den Barren beigelegt wurden, beschränkten, ist dies revolutionär. Ein Beispiel: Ein Goldbarren aus einer Mine in Peru wird bei Valcambi verarbeitet. Sein digitaler Zwilling dokumentiert die Herkunft, den CO2-Fussabdruck und den Transportweg bis zu einem Investor in Singapur. Die Plattform nutzt Verschlüsselung und dezentrale Knoten, sogenannte Nodes, um Datensicherheit zu gewährleisten. Wir arbeiten mit zentralen Akteuren wie dem World Gold Council (WGC) und der London Bullion Market Association (LBMA) zusammen. Im Januar 2025 haben wir die GBI-Datenbank mit der LBMA gestartet. Alle 101 LBMA-zertifizierten Raffinerien werden zurzeit auf die Plattform aufgeschaltet. Die Technologie der aXedras ist somit mittlerweile zu einem globalen Standard avanciert.
Weltwoche: Was sind die grössten Probleme und Herausforderungen beim heutigen Goldhandel? Die Rede ist von Kinderarbeit, Umweltproblemen und Geldwäscherei.
Suess: In der Tat, die Goldindustrie steht vor komplexen ethischen und operativen Herausforderungen. In Entwicklungsländern sind im artisanalen Bergbau Kinderarbeit, gefährliche Arbeitsbedingungen und organisiertes Verbrechen leider Realität. Laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) arbeiten etwa 29 000 Kinder in solchen Minen, oft unter lebensgefährdenden Bedingungen. Gleichzeitig fördern verantwortungsvoll geführte Minen das Wohlergehen ganzer Gemeinden durch Bildung und medizinische Versorgung, auch nach Schliessung der Mine. Am Kleinbergbau hängen weltweit zwanzig Millionen Arbeitsplätze. Ein pauschales Verbot wäre kontraproduktiv, da es gutgeführte Gemeinden böswilligen Akteuren überlassen würde. Ein weiteres Problem sind ineffiziente, veraltete Prozesse. Die mangelnde Transparenz zwingt Investoren, blind zu vertrauen, und erschwert die Umsetzung internationaler Standards. Mit aXedras setzen wir hier an. Durch objektive Transparenz stärken wir das Vertrauen in Gold und schaffen eine Grundlage, um ethische und ökologische Probleme nachhaltig zu lösen, etwa durch rückverfolgbare Lieferketten für kleine Minen.
Weltwoche: Welche Anforderungen stellen Markt und Politik heute an das Goldgeschäft?
Suess: Regulierungen wie die EU-Konfliktmineralienverordnung und die OECD-Richtlinien fordern lückenlose Sorgfaltspflicht, um illegale Praktiken wie Geldwäsche oder den Einsatz von Quecksilber zu verhindern. Investoren und Konsumenten erwarten zudem detaillierte Informationen über die Herkunft und Nachhaltigkeit ihres Goldes. Der Markt verlangt Lösungen, die die Standardisierung vorantreiben und den Zugang zu Gold vereinfachen, insbesondere angesichts der globalen Nachfrage nach stabilen Vermögenswerten – 2024 stieg die Goldnachfrage um 25 Prozent. Viele NGOs bevorzugen Top-down-Regulierungen und ESG-Ansätze, denen es jedoch oft an Differenzierung fehlt. Ich sehe dies positiv: Die Forderung nach Transparenz, Nachhaltigkeit und Innovation treibt die Branche voran. Unsere Lösung bei aXedras fördert mit einem digitalen Netzwerkstandard Effizienz und Transparenz und unterstützt einen «Self-Cleansing»-Ansatz, der ethische Standards von innen heraus stärkt.
Weltwoche: Welche Probleme stellen sich noch, müssen noch gelöst werden?
Suess: Die Einführung digitaler Standards in einer fragmentierten Branche ist komplex. Einige Akteure nehmen Veränderungen nur langsam an, und die Integration kleiner Minen in rückverfolgbare Lieferketten erfordert Investitionen und Formalisierung. Zudem kämpfen wir als junges Unternehmen mit typischen Herausforderungen wie Skalierbarkeit und Kostenoptimierung unserer DLT-Lösung. aXedras entwickelt benutzerfreundliche Tools und Portale für Raffinerien und deren Kunden und testet diverse Lösungen mit Partnern wie Argor-Heraeus im Rahmen des AB+-Ökosystems (BFI Bullion, Argor-Heraeus, Loomis International). Die steigende Goldnachfrage und Stablecoin-Trends betonen das Potenzial. Doch eine branchenweite Zusammenarbeit und eine weitere Adaption sind nötig, um die positiven Netzwerkeffekte eines digitalen Standards voll zu verwirklichen.
Weltwoche: Wer würde von dieser gesteigerten Produktintegrität und -transparenz profitieren?
Suess: Transparenz und Effizienz kommen allen Beteiligten zugute. Konsumenten und Investoren gewinnen Vertrauen in ethisch geregelte Lieferketten, was die Nachfrage steigert. Gold wird als «sicherstes Geld» – unabhängig von Fiat-Währungen und physisch begrenzt – noch attraktiver. Händler wie BFI Bullion können neue Dienstleistungen und Premiumprodukte anbieten, und Regulierungsbehörden profitieren von verifizierbaren Daten zur Bekämpfung von Geldwäsche. Kleine Minen, unterstützt durch Initiativen wie Argor-Heraeus’ «Small Craft»-Linie, erhalten Zugang zu formellen Märkten, was die Lebensgrundlage der Beschäftigten verbessert. Die Plattform von aXedras schafft ein vertrauensvolles Gold-Ökosystem.
Weltwoche: Wie sind die Reaktionen auf Ihre Lösung? Springen die Kunden an?
Suess: Die Resonanz auf aXedras, unterstützt durch WGC und LBMA, ist nahezu durchwegs positiv. Unsere Schweizer wie auch unsere internationalen Kunden wie Royal Canadian Mint, AngloGold Ashanti oder die Rand Refinery schätzen die Effizienz, Transparenz und Sicherheit der Plattform. Der Kundenstamm wächst zurzeit rasant. Das AB+-Ökosystem, angetrieben von BFI Bullion, Argor-Heraeus und Loomis International, zeigt, wie unsere Technologie den Markt für Schweizer Anlagegold transformiert. Kontinuierliche Aufklärung und Marketing sind nötig, aber der Durchbruch ist geschafft: Die Unterstützung von WGC und LBMA unterstreicht unseren Weg zum globalen Standard.
Weltwoche: Wie gross sind die Chancen, dass sich diese digitale Lösung weltweit durchsetzen wird?
Suess: Die Chancen sind hoch. Zu Beginn war aXedras ein risikoreiches Start-up, aber unser Erfolg freut uns umso mehr. Der Bullion Integrity Ledger bietet eine starke Antwort auf den regulatorischen Druck und die steigende Goldnachfrage [+25 % YTD 2024; d. Red.]. Die strategische Partnerschaft mit dem WGC und das starke Commitment der LBMA verleihen eine Glaubwürdigkeit, von der wir zu Beginn nur träumen durften. Die Partnerschaften mit Konzeptpartnern wie Argor-Heraeus und Valcambi sowie die sehr aktuellen Entwicklungen im Bereich GBDC (Gold-Back Digital Currency) und der Stablecoin-Boom bieten weitere sehr interessante Opportunitäten.
Weltwoche: Bei der aXedras-Lösung spielt die Blockchain-Technologie eine wichtige Rolle. Wie funktioniert diese Idee in diesem Fall?
Suess: Wir verwenden bei aXedras in der Regel lieber den Begriff «Distributed Ledger Technologie» (DLT). Der Begriff «Blockchain» wird stark mit Kryptowährungen verknüpft. Damit hat aXedras aber nichts zu tun. Noch nichts. Wir nutzen die Technologie bisher nur, um den Goldhandel zu unterstützen und zu digitalisieren. Der Bullion Integrity Ledger ist eine dezentrale Supply-Chain-Lösung, die Transparenz, Integrität und Vertraulichkeit vereint. Im Gegensatz zu zentralisierten Systemen ermöglicht unsere Architektur, dass jeder Kunde seine Daten vertraulich kontrolliert und besitzt. Gleichzeitig stellt der Bullion Integrity Ledger sicher, dass Prozesse und Datenabwicklung einheitlichen Standards folgen, die Vertrauen schaffen. Dies löst das Trilemma des Goldhandels: maximale Transparenz für Herkunft und Compliance, höchste Integrität durch unveränderbare Datensätze und Schutz der Vertraulichkeit für sensible Kundeninformationen. Die dezentrale Architektur und die Kombination von Vertraulichkeit und Transparenz sind im Goldhandel entscheidend, wo Vertrauen und Nachvollziehbarkeit zentrale Werte sind.
Weltwoche: Ihr Unternehmen ist im Kanton Zug ansässig. Wie bewerten Sie die Rahmenbedingungen für ein Start-up-Unternehmen wie Ihren Betrieb und allgemein für die IT-Branche?
Suess: Zug bietet ein ideales Umfeld für Start-ups wie aXedras. Die unternehmensfreundliche Regulierung und der globale Talentpool fördern Innovationen. Das «Crypto Valley» unterstützt DLT-Entwicklungen, was unser Wachstum beschleunigt. Für BFI Bullion bietet Zug Nähe zu Finanzzentren und Raffinerien, was Partnerschaften erleichtert. Hohe Lebenshaltungskosten werden durch erstklassige Infrastruktur ausgeglichen. Zug bleibt der perfekte Standort, um unsere Supply-Chain-Lösung und den GBDC-Standard global zu skalieren.

