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Die Weltwoche

«Zentral ist die Frage nach der Kontinuität»

INTERVIEW

«Zentral ist die Frage nach der Kontinuität»

Nach der Einschätzung des Nuklearwissenschaftlers Andreas Pautz lässt sich ein Kernkraftwerk in der Schweiz rentabel bauen und betreiben. Es könnten auch kleine, modulare Anlagen sein.
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Der Bundesrat will den Spielraum für Kernkraft erweitern, Energieminister Albert Rösti hat im indirekten Gegenvorschlag zur Blackout-Initiative die Bewilligung neuer Kernkraftwerke aufgenommen. Dies passt zum weltweiten Comeback der Kernenergie, das sich in den USA besonders deutlich zeigt, auch unter dem Einfluss von Präsident Trumps Erlassen zum Energiesektor. Welche Möglichkeiten und Entwicklungsaussichten bieten sich für die Nuklearenergie in der Schweiz? Kommen neue Kraftwerke? Wir fragen den Nuklearingenieur Andreas Pautz, Professor an der ETH Lausanne und Leiter des Zentrums für Nukleare Technologien und Wissenschaften am Paul-Scherrer-Institut (PSI), nach seinen Einschätzungen. Er hat in Manchester und Hannover Physik studiert und in München promoviert. 2012 kam er an die ETH Lausanne und zugleich ans PSI, das als Kompetenzzentrum, quasi als Hüterin der Nuklearwissenschaften in der Schweiz gilt. Wir treffen Andreas Pautz zum Gespräch in seinem Reaktorlabor an der ETH Lausanne.

© Fred Merz | Lundi13
«Neue Kernkraftwerke sind nur vermeintlich teuer»: Nuklearwissenschaftler Pautz.
© Fred Merz | Lundi13

 

Weltwoche: Herr Pautz, in der öffentlichen Debatte ist von der Renaissance der Kernenergie die Rede. Welche konkreten Anzeichen sehen Sie dafür?

Andreas Pautz: Es gibt wichtige politische Weichenstellungen. In Europa haben sich 2023 fünfzehn Mitgliedstaaten der EU und Grossbritannien in einer nuklearen Allianz zusammengeschlossen, mit der Verpflichtung, die Kernenergie in Europa bis zu einer Leistung von 150 Gigawatt auszubauen. Das sind 50 Prozent mehr als heute und bedeutet eine Vergrösserung der europäischen Flotte auf etwa 150 Kraftwerke, inklusive des Ersatzes auslaufender Anlagen. Und die EU sowie das Europäische Parlament haben anerkannt, dass Kernenergie nicht nur eine Brückentechnologie ist, sondern vor allem strategische Bedeutung zum Erreichen der Netto-null-Ziele hat. In der EU-Taxonomie ist sie Teil des grünen Portfolios.

 

Weltwoche: Ist der Fukushima-Rückschlag überwunden?

Pautz: Fukushima hatte dem schon vor 2011 begonnenen Auftrieb in der Kernenergie einen enormen Dämpfer verpasst. Nach Jahren haben sich aber Fachwelt, Regulatoren und Regierungen von der Schockstarre erholt, beispielsweise Belgien mit der Rücknahme des Ausstiegsbeschlusses. Viele Regierungen und Staaten anerkennen nun, dass Kernenergie ein wichtiger Baustein für die Bekämpfung der Klimakrise und für die Versorgungssicherheit ist. Japans Anlagen starten wieder, in China schreitet die Entwicklung mit über sechzig laufenden und dreissig geplanten oder in Bau befindlichen Kernkraftwerken ohnehin voran. China wird die USA wohl bald überholen und zur weltweit stärksten Kernenergienation werden. Auch in anderen Staaten bewegt sich viel.

 

Weltwoche: Wo?

Pautz: Afrikanische Regierungen sondieren jetzt Möglichkeiten der Kernenergie. Indien, Ägypten, die Türkei, Bangladesch und Pakistan sind am Bauen von Kraftwerken, Saudi-Arabien, Indonesien, Kasachstan und viele andere Länder planen ernsthaft Neubauprojekte.

 

Weltwoche: Und Amerika?

Pautz: Auch da gibt es grosse Impulse. Die Biden-Administration hatte schon wichtige finanzielle Weichenstellungen getroffen, und Trumps Regierung ist dabei, die Genehmigungsprozesse stark zu erleichtern. Kollegen in den USA schwärmen, dass sie noch nie so viele Förderungsmöglichkeiten hatten wie jetzt. Viele Start-ups und Investoren, auch IT-Riesen wie Google, Amazon und Microsoft, investieren erheblich etwa in Design und Bau von kleinen, modularen Reaktoren. Der Markt wird sich konsolidieren, aber im Moment gibt es wohl dreissig bis vierzig ernstzunehmende kleinere Firmen in den USA mit guten Designideen.

 

Weltwoche: Und in der Schweiz? Sie haben ja kürzlich einen Bericht mitverfasst, der bezüglich Finanzierung, Zeithorizont und Kosten der Kernenergie zurückhaltend ist.

Pautz: Die Schweizer Situation ist etwas speziell. Wir haben im Bericht analysiert, was es in der Schweiz brauchen würde, um tatsächlich eines Tages neue Kernkraftwerke errichten und betreiben zu können. Das ist ein vielstufiger Prozess, und heute haben wir eine Energiestrategie, die Kernenergie nicht vorsieht. Zunächst wäre also das Verbot des Neubaus von Kernkraftwerken aufzuheben, was wahrscheinlich 2027 zur Debatte stehen wird mit der Abstimmung über die Blackout-Initiative beziehungsweise den Gegenvorschlag. Und dann wären sicherlich die Schaffung von Finanzierungsmöglichkeiten und eine Erleichterung der Genehmigungsverfahren notwendig – ähnlich zu den Diskussionen, die auch mit Blick auf die Wind- und Solaranlagen laufen.

 

Weltwoche: Halten Sie es für möglich, ein Kernkraftwerk rentabel zu betreiben?

Pautz: Ja, wir haben diese Rechnung schon häufiger überschlagen. Gestehungskosten des Stroms von unter zehn Cent pro Kilowattstunde sind realistisch. Unsere aktuellen Anlagen liegen bei vier bis sieben Cent. Die grosse Hürde der Finanzierung besteht darin, dass wir immer über sehr grosse Anlagen sprechen mit hohen Investitionen. Meine Schätzung ist, dass ein Kernkraftwerk in der Grössenordnung von Gösgen, also mit etwa tausend Megawatt Leistung, zu aktuellen Marktpreisen um die acht Milliarden Franken kosten dürfte. Das wäre eine vernünftige Preisetikette.

 

Weltwoche: Wie vergleicht sich das mit Solar?

Pautz: Wenn wir Solarparks für die gleiche Kapazität bauen müssten, lägen deren Kosten deutlich darüber, und Solaranlagen laufen nur 25 bis 30 Jahre, nicht 60 Jahre. Neue Kernkraftwerke sind nur vermeintlich teuer, weil die anfänglichen hohen Kapitalkosten in der Diskussion im Vordergrund stehen.

 

Weltwoche: Kommt aber bei der Kernkraft nicht noch die Angst vor technischen Risiken hinzu, die in öffentlichen Diskussionen immer als subjektive Wahrnehmung hineinspielt? Es gibt ja verschiedenste Vorstellungen eines GAUs.

Pautz: Das betrifft die Frage, welche Faktoren die Wahrnehmung von Risiken durch die Menschen beeinflussen. Ich habe meine ganze berufliche Karriere in der nuklearen Sicherheitsforschung und Technik verbracht, insofern bin ich mir bewusst, dass Kernenergie immer noch von vielen als eine Risikotechnologie wahrgenommen wird. Meine persönliche Überzeugung dazu ist aber, dass man Kernkraftwerke sicher betreiben kann.

 

Weltwoche: Also ist das Wort «Risikotechnologie» falsch?

Pautz: Mit den neuen Anlagentypen der dritten Generation, also den Nachfolgern unseres heutigen Kraftwerkparks, müssen Vorkommnisse, wie sie in Fukushima zum Unfall geführt haben, beherrschbar sein. Wir sind technologisch so fortgeschritten, dass Unfallabläufe, die zu grossräumigen radioaktiven Freisetzungen führen würden, mit den heutigen Anlagen selbst unter extremen Annahmen praktisch ausgeschlossen sind.

 

Weltwoche: Wann sind die neueren Reaktoren verfügbar?

Pautz: Will man heute ein grosses Kraftwerk bauen, steht die Technologie zur Verfügung. Man kann sie einkaufen, so bei Framatome aus Frankreich, bei den Amerikanern mit Westinghouse oder General Electric. Die koreanische Kepco ist jüngst sehr erfolgreich auf dem Markt unterwegs. Die russischen Anlagen sind zwar global ein Exportschlager, aber wohl auf lange Sicht für den westeuropäischen Markt irrelevant. Und China, das bisher seine grossen Anlagen weitestgehend für den Heimatmarkt produziert hat, geht nun auch ans Exportieren der Technologie.

 

Weltwoche: Wie lange dauern Bauzeiten?

Pautz: Sechs bis acht Jahre, wenn alles rund läuft, in China zum Teil unter fünf Jahren.

 

Weltwoche: Wie sieht es aus bei den kleinen Reaktoren, den Small Modular Reactors, den SMRs?

Pautz: Da sehe ich eine Reihe von Typen, die eine gute Chance haben, noch in diesem Jahrzehnt zumindest als Prototyp ans Netz zu gehen. General Electric baut in Kanada vier 300-Megawatt-Blöcke, die bis 2029 am Netz sein sollen. Daneben gibt es gleich mehrere ernstzunehmende Anlagentypen in den USA, von etablierten Herstellern wie Westinghouse sowie mehreren Newcomern. Frankreich und Grossbritannien haben kleine, modulare Reaktoren im Angebot. Rolls-Royce verfolgt aus meiner Sicht ein sehr pragmatisches Konzept, das eigentlich auf einem geschrumpften normalen Reaktor beruht, der bei 440 Megawatt läuft und sehr modular aufgebaut und damit für die Serienfertigung ausgelegt ist.

 

Weltwoche: Und der Zeithorizont?

Pautz: Nach meiner Einschätzung liegt der Horizont für SMRs in der ersten Hälfte der 2030er Jahre, für Rolls-Royce vielleicht schon Anfang der 2030er. Wenn erste Prototypen erfolgreich sind, wird es mit der Serienfertigung dann vermutlich recht schnell gehen.

 

Weltwoche: Und zu welchen Kosten?

Pautz: Wahrscheinlich werden sie vergleichbar sein mit den grossen Anlagen, was die Gestehungskosten pro Kilowattstunde angeht.

 

Weltwoche: Was ist in dieser Kategorie für die Schweiz zu erwarten?

Pautz: Das hängt davon ab, wie sich die politischen Entscheidungen entwickeln. Gesetzt den Fall, dass sich ein Betreiber findet, der grundsätzlich zum Bau eines Kernkraftwerks bereit wäre, stellt sich die Frage nach dem Typ und der Leistungsklasse, was gemäss heutiger Gesetzeslage schon in der Rahmenbewilligung festzulegen wäre. Entscheidungen über den Anlagentyp müssten also relativ frühzeitig erfolgen.

 

Weltwoche: Was wäre naheliegend?

Pautz: Wäre ein Neubau wieder zulässig, so würde ich vermuten, dass ein Schweizer Betreiber sich mit dem gebotenen Pragmatismus für Reaktoren der Generation drei entscheiden würde, also wassergekühlte Reaktoren praktisch als Fortschreibung von Gösgen und Leibstadt, aber mit deutlich verbesserten Sicherheitssystemen. Möglicherweise an einem existierenden Standort wie Beznau oder Gösgen. Und dann kommt in der Tat die Frage: Entscheidet man sich für eine grosse Anlage oder zum Beispiel für drei oder vier kleine Anlagen?

 

Weltwoche: Was schätzen Sie?

Pautz: Platzmässig wäre beides machbar, auch an bestehenden Standorten. Grosse Anlagen hätten, selbst wenn sie erst 2050 ans Netz gingen, den Vorteil, dass sie Gösgen und Leibstadt praktisch nahtlos ersetzen könnten. Ziel muss ja sein, Kontinuität herzustellen. Mit einer moderaten Laufzeitverlängerung der bestehenden Anlagen könnte man den Zeitraum bis 2050 überbrücken und dann neue Kraftwerke starten, wenn das von der Bevölkerung gewünscht ist. Aber in dem Fall müsste man jetzt mit der Planung anfangen und die Zeit effizient nutzen. Politische Klärungen etwa zu Subventionen, EU-Stromabkommen oder Genehmigungsverfahren können bis zu zehn Jahre dauern, die Bauzeit eventuell auch, hoffentlich etwas kürzer.

 

Weltwoche: Was ist dabei die wichtigste Frage?

Pautz: Zentral finde ich die Frage nach der Kontinuität. Wenn man Kernenergie langfristig will, also auch über 2100 hinaus, dann muss die Kontinuität mit dem Übergang von alten auf neue Kraftwerke gewährleistet werden.

 

Weltwoche: In welchem Verhältnis stehen denn die Ausbauziele für die erneuerbaren Energieformen dazu? Was ist langfristig der ideale Mix aus Nuklear, Wasser, Wind und Solar?

Pautz: Das ist von der erwähnten zentralen Frage abhängig. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man die Kernenergie 2044 beenden will oder langfristig fortführen möchte. Im Moment haben wir Klimaziele definiert, an die wir uns halten sollten, und aus dieser Sicht ist es konsequent, Solar und andere erneuerbare Energien auszubauen. Ich bin ein grosser Verfechter des Solarausbaus, auch weil dies im Moment die einzige Lösung ist, die in der Schweiz politisch tragfähig ist. Aber sollte es einen Entscheid von Betreiberseite geben, ab den 2040er Jahren auf neue Kernkraftwerke zu setzen, müsste man auch die Ausbauziele der Solarenergie entsprechend anpassen. Ziel ist ja nicht eine massive Überproduktion.

 

Weltwoche: Sind der Solarenergie nicht auch deshalb Grenzen gesetzt, weil die Stromproduktion flatterhaft ist?

Pautz: Wir sind am PSI gerade daran, sektorübergreifend eine grossangelegte Studie zu den Systemkosten von verschiedenen Lösungen aufzubauen. Mit Ergebnissen ist nächstes Jahr zu rechnen. Die Frage nach den Systemkosten ist entscheidend. Die Gestehungskosten für Solarenergie etwa sind in beeindruckender Weise gefallen, sie muss daher Teil der Lösung sein. Allerdings muss man auch die Kosten für Netzausbau, Speicherung und Reservekapazitäten mit einpreisen.

 

Weltwoche: Was ist der optimale Mix?

Pautz: Aus heutiger Sicht vermute ich, dass der optimale Mix wohl gar nicht so weit davon entfernt ist von dem, was wir heute haben. Also mit einem Anteil Kernenergie von 25 bis 30 Prozent. Natürlich weiterhin mit Wasserkraft als Rückgrat, aber beschränktem Ausbaupotenzial. Etwa ein Drittel der zukünftigen Produktion würde mit volatilen Erneuerbaren bestritten.

 

Weltwoche: Wäre es sinnvoll, die ganze Stromproduktion so stark auszubauen, dass Überschüsse dann zur Produktion von grünem Wasserstoff eingesetzt würden? Oder wäre das viel zu teuer?

Pautz: Das ist eine sehr interessante Frage, die wir schon intensiv diskutiert haben. Zum einen ist es so, dass Elektrolyseure relativ konstant ausgelastet sein sollten übers Jahr hinweg. Elektrolyse allein aus Solarstrom-Überkapazitäten ist daher vermutlich nicht rentabel. Zum andern gibt es inzwischen Kernkraftwerke, die auch Elektrolyse betreiben, so in Frankreich. Ein Teil der Leistung ist da einfach für Wasserstoff reserviert. Das halte ich für die technologisch effizientere Lösung, als Wasserstoff über Solar- und Windenergiestrom zu produzieren.

 

Weltwoche: Damit könnte man grünen Wasserstoff unabhängig von der Sonne produzieren?

Pautz: Ja. Richtig interessant wird dieser Ansatz eigentlich erst, wenn man auch fortgeschrittene Technologien für Wasserstoffproduktion ins Auge fasst, zum Beispiel Hochtemperaturreaktoren in Verbindung mit Festoxid-Dampfelektrolyseuren, die deutlich effizienter sind als die herkömmlichen «kalten» Elektrolyseure. Im Bereich der fortgeschrittenen Reaktoren mit hohen Temperaturen tun sich ganz neue Felder auf, mit denen man Wasserstoff, Prozess- und Fernwärme effizient produzieren kann. Das zähle ich zu den spannendsten Anwendungen von Kernenergie.

 

Weltwoche: Was heisst «hohe Temperaturen»?

Pautz: Je nachdem bis zu 900 Grad. Da laufen chemische Prozesse ab, die durch hohe Temperaturen begünstigt werden. Mit Solar und Wind erreicht man diese Temperaturen nicht. Die Kombination von Kernenergie und Wasserstoffproduktion ergibt eine besonders faszinierende Koppelung aus Strom und Wärme, die ein Kernkraftwerk zur Verfügung stellen kann. Das ist vor allem für Industrieprozesse in der Stahl-, Beton- und Chemiebranche interessant, die schwierig zu dekarbonisieren sind. So eröffnet die Kernenergie Möglichkeiten zu CO2-freien Lösungen jenseits der reinen Stromerzeugung.

 

Weltwoche: Das würde einen Mehreinsatz von Kernenergie bedeuten?

Pautz: Ja, es wäre denkbar, dass sich grosse Zement-, Stahl- oder Chemiefirmen einen kleinen Reaktor auf ihr Gelände stellen würden.

 

Weltwoche: Heute spricht man ja auch im Zusammenhang mit Datenzentren von lokalen Kraftwerken.

Pautz: Auch das sind interessante Anwendungen. Kleine Reaktoren können den Energiehunger der KI-Datenzentren stillen und eine sehr verlässliche Energieversorgung sicherstellen. Entsprechend gross ist die Motivation von Google, Meta und Amazon, in diese Technologie zu investieren. Ich halte es für möglich, dass die neuen Kernkraftkunden nicht mehr nur die klassischen Energieversorger sein werden, sondern auch Industrieunternehmen, die eigene Anlage aufstellen.

 

Weltwoche: Als Kunden der staatlichen Nuklearforschung?

Pautz: In den USA ist das Idaho National Laboratory, das INL, das führende Labor des Energiedepartements, das hat viele dieser Reaktorentwicklungen mitbegleitet. Und wir haben von der Schweiz aus eine sehr enge Kooperation mit dem INL und so einen Draht zu den aktuellsten Entwicklungen. Es gibt verstärkten Austausch in der Forschung zu nuklearen Brennstoffen, wo sogar die Amerikaner sagen, da können sie hochgradig Interessantes von uns lernen. Mit einigem Stolz kann man sagen, dass das PSI in der Forschung zu nuklearen Brennstoffen mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung eine Spitzenstellung einnimmt. Würde ich gefragt, dann würde ich sagen, wir gehören zu den top drei in Europa. Firmen wie Westinghouse oder General Electric suchen Forschungskooperationen, Start-ups kommen zu uns, die an unserem Know-how und unseren Anlagen interessiert sind.

 

Weltwoche: Was heisst Forschung zu nuklearen Brennstoffen?

Pautz: Es geht zum einen um die Sicherheit der Brennstäbe, die schon heute in unseren Kernkraftwerken eingesetzt werden. Aber auch darum, neue Brennstoffe zu entwickeln, die so sicher eingekapselt sind, dass sie zwar Energie und Wärme produzieren, aber eine Freisetzung für Radioaktivität in allen denkbaren Unfallszenarien ausgeschlossen ist.

 

Weltwoche: Wie brisant ist die Herkunft der Brennstoffe?

Pautz: Das einzige kritische Material, das Kernenergie benötigt, ist Uran. Alles andere ist weitgehend Stahl und Zement, das macht die Technologie unabhängig beispielsweise von seltenen Erden. Dass der einzige vermeintliche Engpass Uran ist, liegt jedoch nicht daran, dass es zu wenig gibt. Uran ist eine breit diversifizierte Ressource, die überall zu finden ist, mit grossen Vorkommen in Australien, Kanada, Namibia und Kasachstan. Die Krise in der Ukraine liess die Lieferketten, die wir auch mit Russland hatten, zusammenbrechen. Russlands Minen machen zwar nur rund 7 Prozent der weltweiten Uranerzförderung aus, aber Russland hatte die grössten Anreicherungskapazitäten. Diese werden nun in andere Länder verlagert. Meines Wissens kommt in der Schweiz kein Uran mehr aus russischer Anreicherung.

 

Weltwoche: Ist die Erschöpfbarkeit von Uran ein Problem?

Pautz: Nicht auf mittlere Sicht. Beim Betriebsmodus, den wir heute haben, wird Uran in den Reaktor gegeben und verbrannt, anschliessend schieben wir das Material ins Endlager. Die Debatte, ob man solche Brennstoffe wieder aufbereiten und transmutieren kann, läuft intensiv, die physikalischen Prozesse dazu sind schon lange bekannt. Technologisch ist Wiederaufarbeitung möglich, das macht Frankreich seit Jahrzehnten vor.

 

Weltwoche: Warum tut man es heute nicht?

Pautz: Uran als Ressource ist im Moment eben nicht so knapp, dass es sich aufdrängt. Aber wenn man tatsächlich eine nukleare Kreislaufwirtschaft etablieren wollte, wären die Wiederaufarbeitung und die Transmutation ein sehr wichtiges Thema. In einer nuklearen Kreislaufwirtschaft würde Uran zu einer fast unbegrenzten Ressource, jedenfalls eine, die viele zehntausend Jahre den globalen Energiebedarf decken würde.

 

Weltwoche: Diese Entwicklung stünde heute bereits offen?

Pautz: Ja, an den Konzepten arbeiten wir, die technologische Umsetzbarkeit ist im Prinzip demonstriert. Aber die Anwendung im grossen Massstab ist bisher vor allem daran gescheitert, dass Uran zu billig ist. Im Moment ist es günstiger, abgebranntes Uran zu entsorgen, statt es wieder aufzuarbeiten, trotz allen politischen Widrigkeiten. Recycling ist leider eben meistens teurer als Wegwerfen, das sieht man ja auch bei PV-Modulen.

 

Weltwoche: Würden denn solche Aufbereitungsverfahren Endlager überflüssig machen?

Pautz: Nein, es fallen dann immer noch radioaktive Stoffe an, die aber deutlich kurzlebiger sind. Also nicht Hunderttausende von Jahren, sondern nur noch einige Hunderte von Jahren strahlen. Aber selbst dann sollten sie sorgfältig in einem gut verschlossenen Tiefenlager entsorgt werden und nicht oberflächennah. Vielleicht auch, um der möglichen Irrationalität in der politischen Diskussion Rechnung zu tragen.

 

Weltwoche: In der öffentlichen Debatte wird ja immer wieder argumentiert, das Endlagerproblem sei ungelöst.

Pautz: Was ich darauf antworten kann, ist, dass wir am PSI enorm viel Forschungsarbeit investiert haben, um ein umfassendes Verständnis darüber zu entwickeln, wie wirksam der Einschluss im Wirtsgestein ist und welche technischen Barrieren möglich sind, um wirklich für einen langfristigen sicheren Verschluss der Stoffe zu sorgen. Die Nagra, zuständig für die Erschliessung des geologischen Tiefenlagers, hat ebenfalls riesigen Aufwand betrieben, auch geologisch, um das Tiefenlager zu verstehen. Mir fällt kein plausibles Szenario ein, wie es je zu einer Freisetzung aus einem Endlager kommen könnte.

 

Weltwoche: Nach wie vor sind bestimmte Parteien grundsätzlich Atomkraftgegner.

Pautz: Ja, aber die Debatte in Frankreich, Grossbritannien, Skandinavien, auch in Osteuropa wird transparenter, sachorientierter und stärker lösungsorientiert geführt als im deutschen Sprachraum. Ich hoffe, dass wir in der Schweiz auch dazu kommen, Konsens zu finden in der Pflicht zu einer Entsorgung, die wissenschaftlich solide abgestützt ist.

 

Weltwoche: Wie kamen Sie in Ihrer beruflichen Karriere auf nukleare Themen?

Pautz: Meine Eltern waren beide Volksschullehrer und erklärte Kernenergiegegner. Trotzdem haben sie mein Interesse für die Technologie toleriert, das gab bei uns zu Hause immer viel Stoff für spannende Debatten zum Pro und Kontra der Kernenergie. Ich habe dann Physik studiert und bin erst wieder ans Thema Kernenergie geraten, als ich in München ein Doktorat über die nukleare Sicherheit von Forschungsreaktoren begann. Da ging es um den grossen Forschungsreaktor FRM-2 in München, der damals gerade in Bau war. Das Thema hat mich begeistert, und dann bin ich dabeigeblieben, obwohl die deutsche Regierung Schröder drei Jahre, nachdem ich angefangen hatte, den Ausstieg aus der Kernenergie beschloss. Ich arbeitete dann mehrere Jahre in der deutschen Kernenergie-Aufsicht, dann in der Industrie bei der französischen Framatome und schliesslich wieder in leitender Position in der staatlichen geförderten Reaktorsicherheitsforschung.

 

Weltwoche: Dann kam die ETH?

Pautz: 2012 habe ich in der Schweiz angefangen, hier an der ETH in Lausanne und zugleich am PSI im Aargau. Wir haben einen Nuklear-Masterstudiengang etabliert, den einzigen in Nuklearingenieurwesen in der Schweiz. Als ich begann, waren es gut zehn Studierende pro Jahrgang, jetzt haben wir fast dreissig. Es gab auch eine Durststrecke um 2016, als das Energiegesetz beschlossen wurde und die Kernenergie in der Schweiz endgültig passé schien, da waren wir bei weniger als zehn Personen. Aber auch im Studium zeigt sich jetzt die nukleare Renaissance. Die Themen Klimakrise, Versorgungssicherheit und Ressourcenschonung bewegen die jungen Menschen, und für viele ist Kernenergie ein wichtiger Teil der Lösung.

Dieser Artikel erschien im Weltwoche Grün.

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