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Die Weltwoche

Zu viel Julia Ruhs

Tamara Wernli

Zu viel Julia Ruhs

Der ÖRR und die Panik vor Andersdenkenden.

Eine einzige konservative Frauenstimme, und sie zittern vor Angst, dass sie sie lieber rausmobben, als sich mit ihr auseinanderzusetzen und vor allem: den Zuschauerwillen zu respektieren. Entweder sind sie bei Deutschlands öffentlich-rechtlichem Rundfunk blind, feige oder schlicht boshaft – oder alles zusammen. Eine der Eigenschaften muss man bemühen, um zu erklären, wie der ÖRR seinen gesetzlichen Auftrag zur politischen Ausgewogenheit derart ungeniert ignorieren kann. Vor den Augen all jener, die ihn mit Zwangsgebühren finanzieren. Wie lange fordern grosse Teile der Zuschauer nun schon mehr Pluralität? Wie lange kritisieren sie, dass konservative Stimmen stark untervertreten sind? Wie viele haben längst abgeschaltet, weil sie sich vom neun Milliarden schweren Medientanker nicht mehr repräsentiert fühlen – ausser vielleicht als Karikatur? Wäre es nicht so tragisch, könnte man eine neue Folge «Verstehen Sie Spass?» daraus basteln. Der Witz? Die Zuschauer zahlen brav Gebühren. Gelacht wird nur in den Redaktionsetagen.

Daniel Delang / DER SPIEGEL
Julia Ruhs, München Theresienwiese, 02
Daniel Delang / DER SPIEGEL

Der vorläufige Höhepunkt: Die (vielleicht) einzige konservative Journalistin, Julia Ruhs, wurde vergangene Woche vom NDR als Moderatorin der neuen Reportagesendung «Klar» vor die Tür gesetzt. Die offizielle Begründung des NDR, Ruhs’ Redaktion habe grobe handwerkliche Fehler gemacht, wirkt vorgeschoben. Ich habe mir eine Folge angesehen; ihre Sendung ist keineswegs schlechter als andere Formate. Verbesserungen hätte man ja gemeinsam mit Ruhs angehen können. Ihre Kollegen kritisieren, ihre Sendung verbreite rechte Positionen (in der ersten Folge wurden Probleme der Migration thematisiert): ein Totschlagargument, das im öffentlich-rechtlichen Kosmos so zuverlässig einschlägt wie ein Tomahawk-Steak auf einem Veganer-Kongress.

Die feministische Unterstützung endet da, wo die Geschlechtsgenossin sich eine andere Meinung gönnt.

Sie wurde von den Kollegen angefeindet; deren Kritik wurde so laut, dass der Sender einknickte – Ruhs war weg. Für viele Journalisten ist es das Grösste, wenn sie von anderen Journalisten für ihre Haltung bewundert werden; unter dem Aspekt ist der Rauswurf konsequent. Der ÖRR betont zwar bei jeder Gelegenheit, wie wichtig Toleranz, Diversität und Offenheit seien. Doch sobald eine Andersdenkende in den eigenen Reihen mit eigener Sendung ein grösseres Publikum erreicht, endet die Offenheit und wird die «Vielfalt» der Gedanken schneller eingestampft, als man «Rundfunkbeitrag» sagen kann.

Und apropos: Wo bleibt die Frauensolidarität? Ausgerechnet die bekannte Moderatorin Anja Reschke, die in «Reschke Fernsehen» gerne als Feministin auftrifft, diffamierte Ruhs’ Sendung als «ein bisschen rechtsextrem». Dabei spricht Ruhs nur aus, was viele im liberal-konservativen Spektrum denken. Es ist vermessen, das zu verteufeln und nur die eigenen Gedanken als die Gültigen zu verkaufen. Der Vorfall zeigt einmal mehr, dass die stets so hochgehaltene feministische Unterstützung da endet, wo die Geschlechtsgenossin sich eine andere Meinung gönnt. Wäre das Wohl von Frauen wirklich der Massstab, würde man auch denen beistehen, deren Ansicht man nicht teilt.

 

Die Kontroverse legt ein grundsätzliches Problem der Konservativen offen: Sie stecken permanent im Defensivmodus. Jede Position muss sofort verteidigt werden, sonst droht moralische Diskreditierung – sei es der Vorwurf, gegen die Selbstbestimmung der Frau zu sein, gegen Immigration, Ausländer, Transmenschen oder generell gegen Menschlichkeit und Fortschritt. Linke hingegen können ihre Ideen frei präsentieren und verkünden: «Wenn wir es so machen, wird alles gut, und unsere Probleme sind gelöst.» Beweisen müssen sie dabei nie, ob ihre Ideologie tatsächlich erfolgreich ist – selbst wenn die Realität seit Jahren das Gegenteil zeigt.

Das Vertrauen vieler Zuschauer hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk längst verspielt. Wenn man Leuten immer wieder demonstriert, dass man ihr gebührenfinanziertes Recht auf Ausgewogenheit mit Hingabe ignoriert, schafft man es, selbst ehemals treue Anhänger zu vergraulen. Demokratietheoretisch ist das mindestens fragwürdig – moralisch fragwürdig sowieso. Mit der aktiven Verdrängung von Journalisten wie Ruhs bestätigt der ÖRR das, was viele längst vermuten: Wer auf Pluralität hofft, wird enttäuscht. Angesichts dieser Entwicklungen ist klar, dass sich daran auch bald nichts ändern wird.

 

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