«Gruetzi wiederand Ich begrüsse Sie ganz herzlich zu einer weiteren Ausgabe von Weltwoche Daily Spezial. Meilensteine der Schweizer Geschichte mit Professor Christoph Mörgli. Mein Name ist Roman Zeller und wir befinden uns hier unweit der schweizdeutschen Grenze. Wo sind wir? Was machen wir hier? Was ist das Thema der heutigen Sendung, lieber Christoph?» Grüezi miteinander. Tatsächlich ist Kreuzlingen nahe und damit auch Konstanz. Wir sind in der Tat im Bezirk Kreuzlingen, aber in der etwas kleineren Gemeinde Tägerwielen. Heute etwa 5500 Einwohner und wir stehen auf der Strasse, die einem ganz bestimmten, bedeutenden Thurgauer und Schweizer gewidmet ist, nämlich an der sogenannten Müller. Thurgau-Strasse und hinter uns ist der schöne Fachwerk der Riegelbau, in dem im Jahr 1850 der bedeutende Rebforscher Hermann Müller geboren ist als Sohn eines Winzers und Bäckers und er sollte eine wichtige Karriere einschlagen. Wer war Hermann Müller? Wie ist er aufgewachsen? Was hat seine Kindheit geprägt? Hermann Müller hat natürlich den Weinbau, das Wesen des Winzers, von Kindsbeinen her kennengelernt. Er konnte dann allerdings sich weiterbilden, zuerst zum Lehrer in Kreuzlingen am Lehrerseminar und hat dann auch Schule gegeben in der Realschule Stein am Rhein. Dann ging er aber an die ETH, um Biologie zu studieren, Pflanzenkunde. Und er hat sich weiter ausgebildet in Neuenburg und schliesslich dann an der Universität Würzburg. An der ETH hat er bereits ein Diplom als Lehrer für Naturwissenschaften. Und in Würzburg hat er promoviert, hat er seinen Doktor gemacht und war dann Assistenz an Pflanzen. Biologischen und Botanischen Institut. Dort, es erinnert ebenfalls eine Tafel in Würzburg ans Wirken von Hermann Müller-Turgau. Vater Müller, Mutter Müller, was ist da der familiäre Hintergrund? Hatten die auch etwas zu tun mit dem Rebbau? Der Vater war, wie erwähnt, Winzer und es gab da Reben, die die Familie bearbeitet hat. Und so hat Hermann Müller das Rebwerk wirklich avant studiert. Er ist dann nach der Universität Würzburg an die Forschungsanstalt Geisenheim gekommen. Das ist im Rheingau in Hessen. Da hat er auch seine Frau kennengelernt in dieser Umgebung und er hat da weiter geforscht. Er hat vor allem an den Reben experimentiert, hat Kreuzungen durchgeführt, hat die Physiologie dieser Pflanzen studiert. Und... den Rehbau ganz generell. Er war an diesem königlich-preussischen Forschungsinstitut in Geisenheim von 1876 bis 1890 tätig und hat eigentlich seine Kreuzung Riesling und Silvaner im Jahr 1882 verkündet. Und das war eine neue Weissweinsorte, die er dann später weiter erforschen sollte. Denn es kam dann ein Ruf in die Schweiz. Für all jene, die nicht so tief drin sind in der Weinforschung, in der Weinkunde, was ist eine Kreuzung? Eine Kreuzung ist eine Bestäubung zweier verschiedener Rebsorten. Und hier hat Müller-Thurgau tatsächlich die Riesling-Traube mit der Silvanertraube gekreuzt. Aber Achtung, er hat das gedacht. Er war später nicht mehr ganz sicher, welches die zweite Pflanze war. Eines ist die Mutter, das ist Riesling, das steht fest. Aber diese Silvanertraube, da hat er sich geirrt. Das hat man dann gemerkt mit molekular-biologischer Forschung im Jahr 1998. Denn es handelte sich um die Madeleine Royal aus dem Formenkreis der Schassler Traube. Aber Müller-Thurgau hat nie gesagt, dass er ganz sicher ist, dass es Silvaner ist als zweite, als väterliche Pflanze, sondern er hat gesagt, ich weiss es nicht. nicht mehr so recht. War das eine Erfindung, eine bahnbrechende Erfindung, die Hermann Müller steinreich gemacht hat? War das ein Durchbruch in der Weinforschung? Wie war das damals? Wie wurde das aufgenommen und angenommen vom Markt? Es war tatsächlich ein Durchbruch. Er kam aber doch erst nach Jahrzehnten, denn im Jahr 1891 kam Hermann Müller an die neu gegründete Forschungsanstalt für Rebobst und Gartenbau in Wädenswil. Da wurde er Direktor. Da hat er 150 Setzlinge mitgenommen von seiner Riesling-Silvaner-Züchtung und man hat sie dann weiter selektiert, man hat weiter geforscht, man hat sie weiter verpflanzt, sowohl in Wädenswil wie dann auch im Arenenberg hier an der Landwirtschaftlichen Anstalt und Schule im Thurgau. Und Müller-Thurgau hat sich wirklich intensiv befasst damit, bis dann eigentlich im Jahr 1913 in Deutschland der Begriff Müller-Thurgau sich durchsetzte. Warum übrigens Müller-Thurgau? Es gab an dieser Wädenswieler Anstalt zwei Müller und die musste man unterscheiden. Und darum hat sich Hermann Müller dort Müller-Thurgau genannt. Und in Deutschland wurde das dann zum festen Begriff. was war die geniale Erfindung von Müller-Thurgau, von Hermann Müller, dem Müller aus dem Thurgau. War das die Art der Bestäubung, die Form der Böden, die auch eine Rolle spielt beim Weinbau? Was war da das absolut Bahnbrechende, das Geniale? Das Bahnbrechende war natürlich letztlich das Produkt, also dieser Wein, der eine ganz besondere Qualität hat. In der Schweiz wurde er immer Riesling Silvaner genannt, Riesling mal. Silvaner auch. Da hat man dann auch verschiedene Zusammenzüge versucht, aus werbetechnischen Gründen, vor allem in Deutschland, hat sich aber kaum durchgesetzt. Riesling Silvaner in der Schweiz, da war die Qualität, dass sie früh reifte als Traube, dass sie einen hohen Süssigkeitsgehalt hatte, dass der Säureabbau rasch passierte und das Aroma war eben doch ganz speziell, eine Art. Muscat-Aroma, eine blumige, eine fruchtige Sorte, die sofort gefallen hat, sowohl in der Schweiz wie auch in den deutschen Landen. Man muss aber auch sagen, dass in der Westschweiz der Riesling Silvaner eher etwas seltener vorkommt. Der Riesling Silvaner ist die häufigste Traubensorte im Weisswein in der deutschen Schweiz geblieben. Das war ja wahrscheinlich auch eine riesige Konkurrenz damals. Wie kam das bei anderen Weinproduzenten an, die mit anderen Weinbau-Rebensorten hantierten? Es war natürlich eine Konkurrenz. Andere haben sich auch zum Teil halten können. Zum Teil sind sie wieder verschwunden. Es gab aber auch in der deutschen Schweiz andere Weissweinsorten. Zum Beispiel der Reuschling am Zürichsee, der wiederentdeckt wird und auch gerne immer noch getrunken wird. Vor allem zum Fisch neben dem Riesling Silvaner. Also es haben doch die Konsumenten gut reagiert auf diese Erfindung. Man muss auch bemerken, dass sich der Rehbau in den 1880er Jahren in einer absoluten Krise befand. Man hatte da Schädlinge, man hatte die Rehblaus im grossen Stiel und andere Krankheiten. Und es mussten sehr viele Rehberge ausgerissen werden, die dann auch nie mehr neu. angebaut wurden. Das war wirklich eine ganz, ganz grosse Krise. Man hat dann mit Kreuzungen, mit amerikanischen Sorten, diese Reblaus bekämpfen können. Und der Riesling Silvaner hat sich gut gehalten, auch gegenüber Schädlingen. Da war eben auch Müller-Thurgau ein ganz grosser Forscher. Er hat in jeder Beziehung sich in diese Weinpflanze vertieft. er hat die Gärung studiert, er hat die Gerung letztlich in der Nachfolge von Louis Pasteur wie kein anderer vorangetrieben. Und es interessierte ihn dann auch die alkoholfreie Herstellung. Denn Hermann Müller war eng befreundet mit August Forel, einem Abstinenten und Vorkämpfer der alkoholfreien Lebensweise, auch Direktor der heutigen Forel-Klinik, einer Klinik für Alkoholsüchtige und Alkoholabhängige. Müller-Thurgau hat wirklich versucht, diesen Alkoholismus, der damals grassierte, mangels anderer Möglichkeiten der Getränke, auch im Weinbau alkoholfrei zu produzieren und vor allem dann auch im Obstbau. Auch da, bei Birnen, bei Äpfeln, hat er hervorragende Arbeit geleistet und hat sich hier in die Produktion von guten Getränken vertieft. Hinter uns ist das Antlitz verewigt von Hermann Müller. Was bedeutete Hermann Müller, Müller-Turgau für die Region? Hermann Müller-Turgau war auch wichtig hier für die Region, für den Weisswein. Es ist wirklich die häufigste Traubensorte geblieben. Man muss vielleicht sagen, dass die heutigen Konsumenten oftmals den Chardonnay vorziehen oder den Riesling oder den Pinot Gris oder was immer. Aber ich glaube, da tut man doch dem Müller-Thurgau, dem Riesling-Silvaner etwas Unrecht. Er ist eine wirklich fantastische Traube und es handelt sich hier um ein sehr, sehr schmackhaftes Getränk. Und ich hoffe, dass sich Riesling Silvaner... doch lange noch halten lässt. Darf man fragen, ist Müller-Turgau, war das dann irgendwann mal auch noch ein amtlicher Name von Hermann Müller? Nein, er hat sich, glaube ich, nie so genannt amtlich. Aber in Deutschland hat sich dieser Begriff durchaus rasch durchgesetzt und er ist bis heute so geblieben. Und man merkt auch, dass das in der Schweiz Folgen hat. Wir sehen das am Müller-Turgau-Weg. Aber... Wie gesagt, der Begriff in der Schweiz ist Riesling-Silvaner geblieben, zu Unrecht, wie wir jetzt wissen, weil eben die zweite, die väterliche Kreuzungsart eben kein eigentlicher Silvaner war. Hat Hermann Müller Nachfahren? Nachfahren, die vielleicht sein Erbe weitergeführt haben? Das ist der Fall. Hermann Müller hatte mit seiner Frau drei Töchter, ein Enkel von ihm. Namens Robert Fritsche ist er 1961 Direktor geworden dieses Wädenswieler Instituts, dieser Wädenswieler Forschungsanstalt, hat also das Erbe von Müller-Thurgau weitergetragen. Er wurde übrigens 1920 Ehrendoktor der Universität Bern und er hat wirklich enorm viel geleistet als Önologe, als Pflanzenbiologe, Pflanzenphysiologe, als Erforscher der Rebe. So gesehen ist sein Lebenswerk umfassend. Er hat 320 Arbeiten geschrieben, war also auch ein enorm fleissiger Publizist und hat wissenschaftlich wirklich bahnbrechend gewirkt. Er war auch ad interim Professor für Pflanzenbiologie an der Eidgenössisch-Technischen Hochschule. Wie steht es um die Schweizer Weinforschung? Was weisst du darüber? Ist man noch jemand in der Welt? hat man sich da behaupten können nach diesem bahnbrechenden Erfolg von Hermann Müller auch? Die Schweizer Weinforschung ist sicher sehr, sehr gut aufgestellt. Sie ist fortschrittlich. Es ist immer noch so, dass 4% der landwirtschaftlichen Produktion den Weinbau betrifft, beziehungsweise Traubensäfte, also die Produktion aus der Rebe. Das ist vielleicht nicht wahnsinnig viel, aber ist doch stattlich. Man muss aber auch sagen, dass der... Export von Schweizer Weinen eine kleine Rolle spielt. Es ist doch vor allem der inländische Konsum, der wichtig ist. Und da sind die heutigen Winzer Weinbauern und auch die Kelterreihen, die Produzenten im späteren Verlauf dieses Weins beunruhigt, dass sehr viel weniger Wein getrunken wird, dass heute die Trinkgewohnheiten andere geworden sind. Und das könnte natürlich den Weinbau Das könnte auch unsere Landschaft nachhaltig verändern, was eigentlich schade ist. Gibt es einen Hermann Müller der Gegenwart, einen Vordenker des Weinbaus, einen genialen Tüftler, der diesen Industriezweig wieder auf Vordermann bringen könnte? Das gibt es sicher und da gibt es unzählig viele Namen, die proben, die am Wein forschen, die immer neue... Sorten auch ausprobieren. Die Schweiz ist ja enorm produktiv in dieser Beziehung. Die Qualität der Weine hat auch wahnsinnig zugenommen, sowohl im Weisswein wie im Rotwein. Das sind Quantensprünge im Vergleich vielleicht zu Zeiten vor 70 oder 100 Jahren, als der Schweizer Wein doch in der Regel, wenn er nicht gerade aus der Westschweiz kam, als etwas säuerlich galt. Was weisst du über... Den Lebensabend von Hermann Müller, um den Bogen noch zu schliessen, das Haus hinter uns. Was weisst du, was passiert da heute drin? Hermann Müller ist in Wädenswil verstorben, er ist also nicht hierher zurückgekehrt. Heute ist das ein Wohnhaus, das meines Wissens nicht mehr von Nachkommen von Hermann Müller bewohnt wird. Aber da bin ich nicht ganz sicher. Aber sein Andenken wird in der Tat hochgehalten mit einem Denkmal, mit dieser Strasse. und mit einer Plakette, die am Haus angebracht ist. Was haben wir vergessen? Was gibt es zu Hermann Müller noch anzumerken, um den Bogen noch ganz zu schliessen? Vielleicht noch eine Anekdote, die ich aus erster Hand erfahren habe. Es gab vor einigen Jahrzehnten hier im Thurgau einen ersten Staatsanwalt namens Müller. Und der wurde zu einem Kongress in Deutschland eingeladen. Und als man ihn fragte, woher er kommt, hat er gesagt, sein Name sei Müller und er komme aus dem Kanton Thurgau, worauf die Kongressmitglieder sofort Haltung annahmen gewissermassen und plötzlich dann ihn sehr zuvorkommend behandelten und sagten, bitte Herr von Müller-Thurgau, nehmen Sie hier Platz, bitte Herr von Müller-Thurgau, da geht es entlang. Also der Name wurde ihm sofort aufgepfropft, völlig. zu Unrecht, denn er hatte mit diesem Herrn Müller nichts zu tun. Also der Nachhall von Hermann Müller halt hier auch in Deutschland nach. Ganz herzlichen Dank, lieber Christoph, für deine Ausführungen. Wir bedanken uns bei Ihnen, liebe Zuschauerinnen, liebe Zuschauer, für die Aufmerksamkeit, wünschen Ihnen einen wunderschönen Samstag. Bis zum nächsten Mal bei Meilenscheine der Schweizer Geschichte. Weltwoche täglich Spezial und ein schönes Wochenende aus oder vom Geburtshaus von Hermann Müller. Begründer des Müller Tourgau. Vielen herzlichen Dank.
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