«Gerechtigkeit ist das, was der Richter zum Frühstück gegessen hat» – was wie ein schräger Spruch klingt, beschreibt tatsächlich eine verblüffende wissenschaftliche Entdeckung von vor knapp 15 Jahren, bekannt als der Hungry Judge Effect. Die Studie zeigte, dass Richter vor der Mittagspause kaum Bewährungsanträge bewilligten, nach dem Essen jedoch in bis zu zwei Dritteln der Fälle zustimmten. Ein eindrücklicher Hinweis darauf, wie stark unser Denken und Handeln von der momentanen Nährstofflage abhängt.
Heute geht die Neurowissenschaft einen Schritt weiter und liefert die mechanistische Erklärung dafür. Forschung – etwa von der Charité-Wissenschaftlerin Soyoung Park – zeigt, dass gezielte Mikronährstoffe direkt die Produktion zentraler Neurotransmitter beeinflussen, darunter Dopamin (für Fokus), Serotonin (für Stimmung) und GABA (für Entspannung).
Diese Neurotransmitter steuern unser unmittelbares Verhalten: Dopamin schärft Aufmerksamkeit und Entscheidungsfähigkeit, Serotonin stabilisiert unsere emotionale Wahrnehmung und Stimmung, und GABA beruhigt überaktive Stressnetzwerke. Bekommen diese Neurotransmitter nicht genügend Mikronährstoffe, verändert sich, wie gut wir handeln, wie klar wir denken und wie ausgeglichen wir uns fühlen.
Was also einst als verhaltenspsychologisches Phänomen beschrieben wurde, verstehen wir heute als messbaren neurobiologischen Prozess. Und nicht nur wann wir essen, sondern vor allem was wir essen, formt unser Denken und Fühlen auf neuronaler Ebene.
Der Begriff «Brainfood», einst modern und griffig, wird der heutigen Komplexität unseres Gehirns also nicht mehr gerecht. Es benötigt präzise abgestimmte Bausteine – in der richtigen Kombination, zur richtigen Zeit und mit klar definierter neurobiologischer Zielwirkung.