Wir bewundern die Schnelligkeit des Sprinterkönigs, die Ausdauer des Marathonhelden. Im Vergleich mit Spitzenwerten aus dem Tierreich wirken die Höchstleistungen des Menschen jedoch bescheiden. So zeigt ein kleiner Zugvogel auf der Langstrecke eine Performance, die selbst im Reich der Zugvögel einsame Spitze ist. Der Knutt, ein etwa amselgrosser Strandläufer, fliegt im Herbst von seinen Brutgebieten in Grönland, Sibirien oder Nordkanada bis zu 12 000 Kilometer weit südwärts in die Feuchtgebiete von Feuerland, Australien oder Westafrika, wobei er Ozeane und Wüsten ohne Speis und Trank in bis zu 5000 Kilometer langen Nonstop-Flügen überwindet.
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Flugsimulation im Windkanal
In Europa rasten Knutts aus dem hohen Norden im Spätsommer im niederländischen und dänischen Wattenmeer. Für den Zwischenhalt versammeln sich zeitweise mehrere 100 000 Vögel. Verteilt sich das Vogelheer bei Ebbe auf der Nahrungssuche weit über das Watt, treibt die Flut die Migranten zu dichten Scharen ans Land. Stört jetzt etwa ein Fuchs oder ein achtloser Spaziergänger die ruhenden Knutts, lösen sich Zehntausende von Vögeln vom Boden und steigen als Wolke in den Himmel. Beobachter berichten voller Bewunderung von den fantastischen Flugmanövern, wenn der Riesenschwarm in geschlossener Formation einmal die dunklen Rücken zeigt und dann nach synchron geflogener Schleife gleichzeitig die hellen Bäuche aufblitzen lässt. Es ist noch immer ein Rätsel, wie das simultane Verhalten derart vieler Individuen gesteuert wird.
Wenigstens teilweise bekannt ist mittlerweile, welchen Treibstoff der Knutt für seinen Langstreckenflug nutzt und wie sein Stoffwechsel den riesigen Energieumsatz bewältigt. Zur Klärung solcher Fragen hat ein Team der Schweizerischen Vogelwarte Sempach zusammen mit holländischen und schwedischen Forschern den Knutt auf eine künstliche Reise geschickt. Im Wattenmeer gefangene Vögel wurden nach Lund in Schweden gebracht, wo die handzahm gewordenen Tiere für einen simulierten Langstreckenflug im Windkanal motiviert wurden.
In bis zu zehn Stunden langen Flügen bei konstanter Geschwindigkeit von 54 Kilometern pro Stunde wurden zu verschiedenen Zeiten das Gewicht der Tiere und die Stoffwechselprodukte im Blut gemessen. So liessen sich sowohl der laufende Verbrauch der körperlichen Reserven als auch die in den einzelnen Flugphasen verwendeten Treibstoffe ermitteln.
Das erstaunliche Ergebnis: Entgegen der Vermutung verbrennt der Knutt nur in der ersten Flugstunde die in Muskeln und Leber gespeicherten Kohlenhydrate (vor allem Zucker). Danach stellt er exklusiv auf ein Treibstoffgemisch aus Fett und Eiweiss um. Insgesamt liefert Fett weit über 90 Prozent des Treibstoffbedarfs, denn Fett spart enorm Fluggewicht, weil es einen achtmal höheren Energiegehalt hat als Eiweiss. Dazu hat der um die 140 Gramm schwere Vogel vor der grossen Reise das Körpergewicht mit Fett fast verdoppelt und watschelt gleichsam als Fettbomber zum Take-off.
Immer leichter
Weil der Körper für die Fettverbrennung gewisse Zusatzstoffe braucht, ist der gleichzeitige Abbau von Eiweiss nötig. Da während des Flugs durch den Fettverbrauch das Körpergewicht sukzessive sinkt, braucht der Vogel nicht mehr so starke Flugmuskeln, weshalb laufend Muskeleiweiss geopfert werden kann. Und weil der Knutt auf der Tour ohnehin hungert, wandern auch Teile des Verdauungstrakts und der Leber in den Brennstoffzyklus.
Herbert Cerutti ist Autor und Tierexperte.
