Noch liegt es ruhig und still in der Sonne, das beschauliche Marthalen im Zürcher Unterland. Schon bald sollen hier 650 Lastwagenladungen Ackerboden abgebaggert und weggekarrt werden. Für den Naturschutz.
Es geht um 2,2 Hektar Landwirtschaftsland, das im Auftrag der Zürcher Naturschutzfachstelle umgekrempelt werden soll. Vorgesehen ist, den fruchtbaren Humus zu entfernen und den kiesigen Untergrund freizulegen. Abgetragen werden 6555 Kubikmeter Material, wie gesagt 650 LKW-Fahrten. 1,8 Hektaren sind Acker. Fruchtbarer Acker. Auf der Parzelle wurden jährlich in wechselnder Folge rund 150 000 kg Zuckerrüben oder 70 000 kg Kartoffeln produziert.
Auf 0,4 Hektar besteht bereits eine Magerwiese. Sie wird seit vielen Jahren extensiv bewirtschaftet. Düngeverbot, vorgegebener Schnittzeitpunkt, Verzicht auf synthetische Pflanzenschutzmittel, Pufferzone zum Umland. Die Wiese ist eine «Biodiversitätsförder-fläche QII». Qualitätsniveau zwei, also von hoher Qualität. Alles richtig gemacht. Würde man denken. Falsch gedacht.
Die kantonale Naturschutzfachstelle ist nicht zufrieden. Sie hat das «Ökologische Aufwertungsprojekt Fleudenbüel» aufgegleist. Bezweckt wird die «Förderung nährstoffarmer, regionstypischer Trockenstandorte mit ihrer charakteristischen Tier- und Pflanzenwelt».
Augenschein vor Ort, 4. Juli, Nachmittagshitze. Die Wiese wurde vor drei Wochen gemäht. Seither war es trocken, das Gras ist gelb. Dazwischen gibt es zahlreiche krautige -Pflanzen, deren Wurzeln tiefer in den Boden reichen. Sie sind grün und zeigen bereits wieder die ersten Blüten. Insektennahrung.
Von Kleeblüte zu Kleeblüte flattert ein weisslichblauer Schmetterling. Ein auffällig abstehendes Anhängsel am hinteren Flügelrand weist ihn als Kurzschwänzigen Bläuling aus. Er galt vor vierzig Jahren in der Schweiz als vom Aussterben bedroht, vor zehn Jahren kam er in die mildeste Gefährdungskategorie «potenziell gefährdet». Schmetterlingskundler gehen davon aus, dass er demnächst aus der Roten Liste entlassen wird. Der -kleine Falter ist ein Klimaprofiteur und konnte in den letzten zwanzig Jahren von Süden her das ganze Mittelland besiedeln. Bestand weiterhin zunehmend.
Im Konzept aufgeführt sind die Zielarten des Projekts: 34 Pflanzen- und 19 Tierarten. Der Kurzschwänzige Bläuling ist auch darunter. Erfolg garantiert.
Es ginge auch anders
Auf der Liste steht auch das Esparsetten-Widderchen. Bei diesem Falter prangen -mehrere blutrote Flecken auf glänzendschwarzen Flügeln. Jeder Fleck ist mit einer feinen, silbrigen Linie umrandet. Apart. Und selten. Es gibt den Falter nur in drei Regionen: Graubünden und Wallis sowie Zürcher Unterland/Kanton Schaffhausen. Der Schmetterling fliegt von Ende Juli bis Ende August. Die Trockenwiesen werden aber im Juli gemäht. Dadurch werden die Puppen abgeräumt, die an den Halmen haften, und die Falter finden im Spätsommer keine Blüten, um Nektar zu saugen. Also soll die Mahd in den Herbst verlegt werden. Das funktioniert nur auf maximal nährstoffarmen Flächen. Also braucht es den Humusabtrag, wie in Marthalen geplant.
Es geht aber auch andersrum: Mahd Anfang Juni, bevor sich die Raupen verpuppt haben. Wenn der Boden leicht nährstoffhaltig ist, kommt rasch ein zweiter Aufwuchs auf, der Ende Juli blüht. So wie derzeit in Marthalen. Baggern für nichts.
Die Zielartenliste verrät den akuten Machbarkeitswahn. Keine Art zeigt das besser als die gelistete Hohe Hummel-Ragwurz. Eine absolute Rarität. Genauer gesagt: Ihr natürliches Verbreitungsgebiet beschränkt sich auf den Kanton Genf. Im Kanton Zürich wurde sie angesiedelt, das heisst im Gewächshaus angezogen und dann ausgepflanzt. Diese -Orchidee hat einen ausgeklügelten Bestäubungstrick. Die Blüte gleicht einer Wildbiene, und sie verströmt den charakteristischen Lockstoff einer Bienendame. Die Bienenmännchen werden angelockt, setzen sich auf die Blüte, bemerken ihren Irrtum und suchen pollenbeladen die nächste Blüte auf. Der Mechanismus ist auf eine einzige Art zugeschnitten, die Blutweiderich-Langhornbiene. Nur, deren nächstes, winzigkleines Vorkommen liegt im vierzig Kilometer entfernten Reusstal. Ersatzhalber werden die Blüten von Hand bestäubt. Gärtnern im Freiland.
An besagtem 4. Juli flattert ein flammend rotes Etwas vor den Füssen auf, nach ein paar Metern verschwindet es in der lückigen Vegetation und scheint wie vom Erdboden verschluckt. Es ist die Rotflügelige Ödlandschrecke, deren Tarnkleid jeden Sniper vor Neid erblassen lässt. Die Hinterflügel, die sie nur im Flug ausbreitet, sind knallrot. Unverwechselbar, die seltenste Heuschreckenart im Kanton Zürich. Es gibt nur einen einzigen weiteren Fundort im östlichen Kantonsteil. Alles richtig gemacht. Der Bewirtschafter hätte höchste Anerkennung verdient. Stattdessen kriegt er einen Tritt in den Allerwertesten. Ob die seltene Art die Baggerorgie überlebt, steht in den Sternen.
