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Der Donnerschlag vom Bergli

Editorial

Der Donnerschlag vom Bergli

Draussen peitscht der Regen gegen die Scheiben meines Zolliker Büros, der See ist bleigrau, eine unruhige Fläche, die das gegenüberliegende Ufer fast verschluckt. Dort drüben, am Hang über Horgen, liegt das «Bergli». Es ist der Ort, an dem Karl Barth, dieser theologische Titan des 20. Jahrhunderts, gemeinsam mit Charlotte von Kirschbaum an seiner monumentalen «Kirchlichen Dogmatik» schmiedete. Ein Werk wie ein Gebirge, unzugänglich, schroff, aber von einer Klarheit, die einem den Atem raubt.

Michael Buholzer/Keystone
Blitz am Himmel über Zürich während eines Gewitters (Symbolbild)
Michael Buholzer/Keystone

Ich bin gerade erst aus Rom zurückgekehrt. Im Kopf spuken noch die düsteren Vorlesungen Peter Thiels über den Antichristen und die drohende Selbstzerstörung einer Welt, die Gott vergessen hat. Und dann die Nachrichten: Der Nahe Osten steht in Flammen. Mein Herz schlägt für Israel, diesen belagerten Garnisonsstaat der Demokratie in einer Region des religiösen Fanatismus, der leider auch in Jerusalem bis in höchste Regierungsämter lodert. Doch gleichzeitig regt sich in mir dieses nagende Unbehagen, dieser Ekel vor einer Politik, die im Namen der Moral Bomben wirft und vielleicht mehr Unheil sät, als sie jemals ausrotten kann.

In dieser Aufgewühltheit rufe ich ihn an, den Geist des Mannes, der den Nazis die Stirn bot, ohne sich dabei jemals für einen Heiligen zu halten.

«Herr Professor», beginne ich in den leeren Raum hinein, «Ostern steht vor der Tür. Wir feiern den Sieg des Lebens, die Auferstehung, den Triumph über Marter und Tod am Kreuz. Aber schauen Sie sich diese Welt an! Wir sehen das reale Unheil am Werk – die Schlächter der Hamas, die Menschenmetzger der Mullahs, die ihr Volk in religiöser Knechtschaft halten und den Staat Israel seit einem halben Jahrhundert zu vernichten unternehmen. Blinde Zerstörungswut! Handkehrum die Amerikaner und die Israeli, Verbündete der Vergeltung, Racheengel, die eine Aggression abwehren, deren Urheber am Ende sie vielleicht selber sind. Woran soll ich mich festhalten? Finde ich in Ostern die Bestätigung, dass das Gute am Ende über das Böse triumphiert?»

Ich bilde mir ein, das charakteristische Kratzen einer Pfeife zu hören. Dann eine Stimme, rau wie Basler Rheinfels, aber von einer irritierenden Heiterkeit: «Mein lieber Köppel, Sie tappen in die älteste Falle der Weltgeschichte. Sie wollen Ostern nutzen, um sich selbst zu rechtfertigen. Sie wollen aus dem leeren Grab ein Podest bauen, auf dem Sie stehen und auf die ‹Anderen› hinabschauen können. Das ist nicht das Wunder von Ostern. Das ist schlicht und einfach Hochmut.»

Ich stutze. «Hochmut? Wenn ich das Morden verurteile?»

«Hören Sie mir zu», sagt der Geist vom Bergli. «Die Logik von Ostern ist eine Logik des absoluten Tausches. Am Kreuz geschah nicht ein Justizmord an einem Unschuldigen, damit wir ein bisschen weinen können. Am Kreuz hat Gott sich selbst an die Stelle des Sünders gesetzt. Er hat den Platz des Lenin, des Dschingis Khan und – ja, Köppel, auch den Platz eines Hitler eingenommen. Er hat das Urteil über die menschliche Existenz an sich selbst vollstreckt. Und die Auferstehung? Das ist Gottes ‹Ja› zu diesem Opfer. Es ist die Proklamation, dass der Krieg gegen das Böse bereits gewonnen ist – aber nicht von Ihnen, sondern von Ihm.»

«Aber was bedeutet das für uns heute?», werfe ich ein. «Macht uns das nicht tatenlos? Wenn alles schon erledigt ist? Und Gott auch die Bösesten begnadigt?»

«Ganz im Gegenteil», entgegnet Barth. «Es macht uns frei. Und es macht uns demütig. Wissen Sie, was das Problem mit Ihrem moralischen Zeigefinger ist? Sie vergleichen sich mit dem ‹offensichtlich Bösen›, um sich selbst aufzuwerten. Sie sagen: ‹Ich bin kein Terrorist, kein Mullah, keiner von Netanjahus Ultrarechten, also stehe ich auf der guten Seite.› Aber an Ostern bricht diese Rechnung zusammen. Die Lebensproblematik jener Gestalten, die Sie so zu Recht verabscheuen, ist Ihre eigene – nur ins Groteske überzeichnet. Der Keim des Hochmuts, der Wille, Gott zu spielen, steckt in jedem von uns. Wer das begreift, der verliert die Lust am Richten.»

Ich blicke hinüber zum Bergli. Das Unbehagen über die Nahostpolitik wird in diesem Licht zur theologischen Frage. «Herr Professor, geben Sie mir einen Rat für diesen Konflikt. Wie soll ich Israel sehen? Wie die Gegenseite? Wie diese moralisch aufgeladene Weltpolitik?»

Die Antwort kommt ohne Zögern: «Hüten Sie sich davor, die Welt in Kinder des Lichts und Kinder der Finsternis einzuteilen. Das ist die Sprache des Antichristen, von dem Thiel in Rom erzählte. Über Israel habe ich mich getäuscht, dieses Volk, dessen Existenz allein, nach allem, was ihm angetan wurde, ein Gottesbeweis ist. Ich fürchtete, der Judenstaat werde zu einer Theokratie, einer Travestie des Alten Testaments, ähnlich den Mullahs, den falschen Propheten, die sich einbilden, Gottes Heilsplan zu verwirklichen. Doch Netanjahu muss aufpassen, dass er nicht zum Spiegelbild seiner Feinde wird, unterstützt von Trump, den die Journalisten kurioserweise mehr hassen als die Theokraten Teherans.»

«Mein Tipp für Ihr nächstes Editorial? Schreiben Sie gegen die moralische Selbstgerechtigkeit an. Auch gegen Ihre eigene. Werden Sie skeptisch, wenn man Ihnen sagt, man müsse das angebliche Böse ausrotten, um den Frieden zu schaffen. Denken Sie mit den Opfern. Seien Sie ein Wächter der Freiheit, aber seien Sie ein demütiger Wächter. Das Wunder von Ostern ist nicht die Bestätigung unserer Überlegenheit, sondern die radikale Erlaubnis, dass wir – trotz allem, was wir sind – von Gott geliebt werden. Und das gilt, ob es Ihnen schmeckt oder nicht, für den Mann im Kibbuz genauso wie für den Verirrten im Tunnel von Gaza oder den Mullah von Teheran.»

Die Stimme verstummt. Der Regen hat nachgelassen. Ein einsamer Sonnenstrahl bricht durch die Wolkendecke über dem Zürichsee und taucht das Bergli in ein unwirkliches Licht.

Die Rettung liegt allein in Christus. Nicht in unseren Bomben, nicht in unseren Leitartikeln, nicht in unserer angeblichen moralischen Überlegenheit. Wir sind alle Begnadigte auf Bewährung. Das ist die unbequeme, die erschütternde, die einzig wahre Botschaft von Ostern.

So kritzle ich unter diese Zeilen einen letzten Satz: Ich wünsche Ihnen allen von Herzen ein frohes, ein demütiges Fest!

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