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«Der Mensch betrachtet sich nicht mehr als Teil der Natur»

Interview

«Der Mensch betrachtet sich nicht mehr als Teil der Natur»

Der Mediziner und Biologe Martin Grassberger sieht einen Zusammenhang zwischen der Ausbeutung der Natur und gesundheitlichen Problemen.

Erneuerbare Energieformen, E-Autos, Dekarbonisierung – aus Sicht des Rechtsmediziners und Biologen Martin Grassberger sind das notwendige Massnahmen, aber nicht die Lösung für das tieferliegende Problem des Menschen. Bereits 2019 hat er im Buch «Das leise Sterben» skizziert, welche Auswirkungen die Umweltzerstörung auf die Gesundheit des Menschen hat. In weiteren Büchern und Vorträgen hat er ausgeführt, wie der Weg zu gesunden Lebensformen aussehen kann.

«Der Mensch betrachtet sich nicht mehr als Teil der Natur»

 

Weltwoche: Martin Grassberger, war das leise Sterben, das Sie unserer Umwelt prognostiziert haben, wörtlich gemeint oder eine dramatische Zuspitzung?

Martin Grassberger: Gemeint war ein allmähliches Sterben, das unbemerkt bleibt. Im Kern ging es darum, dass unsere Böden durch industrielle landwirtschaftliche Techniken immer schlechter werden. Wir sehen den Boden als reine Nutzfläche, als Haltefunktion für unsere Feldfrüchte. Der Boden ist aber ein lebendiger Organismus, der in einer Wechselwirkung mit den Pflanzen und damit mit uns steht.

 

Weltwoche: Von dieser Beobachtung schlagen Sie in Ihren Büchern einen Bogen zur Gesundheit des Menschen. Wie kommen Sie auf diesen Zusammenhang?

Grassberger: Nicht nur der Zustand unserer Böden wird immer schlechter, auch der unserer Gesundheit. Wir sehen immer mehr chronisch-degenerative Erkrankungen. Depressionen und Angststörungen nehmen zu. Ich nenne das den inneren Garten des Menschen. Die Mikrobiomforschung zeigt, dass eine Verarmung dieser inneren Biodiversität einen grossen Beitrag zu vielen Krankheiten, wenn nicht sogar die Ursache darstellt. Jetzt ist die Frage: Gibt es da eine Verbindung?

 

Weltwoche: Wenn man Ihre Bücher liest, dann gibt es diese. Worin besteht sie?

Grassberger: Während Corona hat sich gezeigt, dass schwere Vorerkrankungen, die auf ein gestörtes oder verarmtes Mikrobiom zurückzuführen sind, das grösste Problem darstellen. Dabei spielen Chemikalien und die mechanische Bearbeitung des Bodens eine Rolle, aber auch Antibiotika, Medikamente, Lebensmittel, Zusatzstoffe, alles, was wir im Rahmen des Fortschritts zu uns nehmen. Das hat dazu geführt, dass die innere Diversität massiv abgenommen hat. Das gipfelte in meinem letzten Buch «Regenerativ» in der Frage: Wie können wir berücksichtigen, dass es hinter unserer modernen Sichtweise ein komplexes Netzwerk gibt, das notwendig ist, damit der Planet funktioniert, damit der Mensch funktioniert und alle Lebensformen gesund sind?

 

Weltwoche: Der Natur Sorge zu tragen ist doch kein totgeschwiegenes Thema, wenn wir den Aktivismus um den Klimawandel nehmen.

Grassberger: Wir betrachten derzeit nur die Konzentration von CO2, als wäre sie das einzige Problem. Die Umwelt ist voller hormonaktiver Substanzen, was wohl dazu beigetragen hat, dass etwa die Spermienzahl weltweit seit Mitte des letzten Jahrhunderts um 50 Prozent gefallen ist – und zu vielen anderen Problemen, die nicht in den Medien vorkommen. Dort geht es immer um die Hysterie, die auf das unmittelbare Katastrophenereignis schielt. Aber es sind stille Prozesse, die sich über Jahrzehnte hinziehen und an denen man nicht sofort stirbt.

 

Weltwoche: Sie haben eine landwirtschaftliche Revolution und ein Umdenken bei der Bodennutzung gefordert und schlagen den Bogen zur menschlichen Psyche. Lösen wir alle Probleme, wenn wir mit dem Boden richtig umgehen?

Grassberger: Das ist wohl zu einfach gefasst, weil es eine lineare Kausalität unterstellt. Diese Revolution findet aber bereits statt. Weltweit kommen immer mehr Bauern darauf, dass man den Boden nicht ewig plündern kann. Sogar grosse Unternehmen haben erkannt: Wenn diese Ressource erschöpft ist, bleibt ein toter Boden übrig. Wir müssen den organischen Anteil erhöhen, dann geht es dem Boden gut, dann gibt es gesunde Lebensmittel, weil sie weniger krankheitsanfällig sind und weniger Pestizide brauchen.

 

Weltwoche: Dass wir uns nicht nachhaltig verhalten, ist keine neue Feststellung. Aus solchen Überlegungen kamen schon vor Jahrzehnten die Grünen hervor. Was unterscheidet Sie von diesen?

Grassberger: Man hat sich damals zu alarmistisch ausgedrückt. Nicht alles, was prophezeit wurde, trat ein. Ich stehe nicht für Hysterie und simple Lösungen. Dahinter steht ein einseitiges Denken statt eines in Zusammenhängen. Aber es wurde auch einiges wahr. Die Feinstaubproblematik ist enorm, auch wenn wir sie nicht sehen. Ursache ist die Industrialisierung, diese «Koste es, was es wolle»-Philosophie. Ohne Natur wird es aber nicht gehen. Da müssen wir uns etwas einfallen lassen.

 

Weltwoche: Was der Politik derzeit einfällt, sind E-Autos, Solarpanels und Windräder.

Grassberger: Ich habe nichts gegen erneuerbare Energien. Aber das ist nicht die Lösung für das tieferliegende Problem. Es klingt vielleicht ein bisschen philosophisch, aber der Mensch betrachtet sich nicht mehr als Teil der Natur, wir wollen immer mehr und mehr. Die Lösung, wenn dieser globale Kollaps nicht kommen soll, liegt in weniger von allem. Was aber nicht mit einem Rückschritt ins Mittelalter verbunden ist und auch nicht bedeutet, dass es uns schlechter gehen wird und wir wieder in Höhlen wohnen.

 

Weltwoche: Das ist aber die Befürchtung. Viele wittern bei solchen Worten Verbote und Einschränkungen. Wie soll das anders gehen?

Grassberger: Ich will niemanden bekehren. Wenn ich Glück habe, bin ich noch dreissig Jahre da. Ich habe aber Kinder und denke, dass weniger von allem der richtige Weg ist.

 

Weltwoche: Die Entwicklung läuft ganz anders. Das Smartphone liegt schon Kindern näher als der Wald. Wie können wir wieder näher an die Natur rücken?

Grassberger: Das schafft man nicht durch kognitive Informationsvermittlung. Wenn jeder mal nach innen geht, wenn man sich eine Welt vorstellt von Menschen, die mehr Mitgefühl haben, die mehr in sich ruhen, die keinen Minderwertigkeitskomplex haben und deswegen Kompensationshandlungen machen müssen, dann wäre das wahrscheinlich ein friedlicherer Ort. Wir müssen Frieden mit der Natur schliessen. Es gibt aber auch positive Anzeichen.

 

Weltwoche: Zum Beispiel?

Grassberger: Heute wird viel ausgegeben für naturbasierte Therapien. Man kann mit einem Spaziergang im Wald mehr für Blutdruck und Blutzucker und Psyche tun als jeder Arzt. Das ist auch wissenschaftlich untersucht.

 

Weltwoche: Was steht Ihrer Botschaft am stärksten entgegen? Ist es das Bedürfnis der Wirtschaft nach Wachstum? Sind es die Parteien, die ihre Macht sichern wollen?

Grassberger: Das sind zwei wesentliche Punkte. Es sind das Streben nach Macht und diese zwanghafte Steigerungslogik unseres Wirtschaftssystems. Wir glauben, dass zahlenartige Strukturen wie das Bruttoinlandsprodukt die reale Welt seien. Dabei ist das nur ein Hilfskonstrukt, um etwas messen zu können. Wir wissen genau, dass das BIP überhaupt nichts über den Wohlstand in der Bevölkerung aussagt, sondern nur über den von jenen, die es abschöpfen. Wir haben ein neoliberales Wirtschaftssystem, das auf der falschen Prämisse basiert, wonach alles endlos da ist und wir ohne die Natur sein können. Aber wir sind alle in einem Boot, und es wird immer kleiner.

 

Weltwoche: Wann ist es zu klein? Wie lange können wir noch so weitermachen?

Grassberger: Es existiert nichts ewig. Die durchschnittliche Lebensdauer vergangener Zivilisationen und Kulturen lag bei 330 Jahren. Es hat mir noch niemand sagen können, warum das diesmal anders sein sollte. Wenn man sich das alte Griechenland oder das Römische Reich anschaut, waren es immer dieselben Mechanismen, die zum Kollaps geführt haben: zunehmende Dekadenz und die Ausbeutung der Ressourcen. Doch diesmal kollabiert die ganze Welt. Das ist ein schleichender Prozess, aber wir sind Kurzzeitdenker. Wir leben von einem Jahr zum anderen und denken nicht über mehrere Generationen hinaus.

 

Weltwoche: Vielleicht auch, weil viele bezweifeln, selbst einen Beitrag leisten zu können?

Grassberger: Es sind komplexe Systeme, und die meisten Leute wissen nicht, wie man mit einem selbstorganisierten System umgeht. Allein durch die Analyse der Einzelteile kann man das Verhalten des Gesamten nicht vorhersehen. Bei einem Fussballspiel treten immer zweimal elf Leute gegeneinander an. Aber man kann den Ausgang dieses neunzigminütigen Systems dennoch nicht vorhersagen. Was heisst das mit Blick auf die Zukunft? Wird nichts passieren? Wird alles ganz schrecklich werden? Ich weiss es nicht. Sicher ist: Dauernd die Effizienz steigern zu wollen, bringt jedes System an sein Ende.

 

Weltwoche: Es gibt auch Anhänger der These, dass die Menschheit einen grossen Knall braucht, um von vorne zu beginnen. Es klingt, als würde Ihnen diese Vorstellung keine Bauchschmerzen bereiten.

Grassberger: Ich würde nicht sagen, dass es das nicht tut. Aber die Kennzahlen zeigen, dass der Kollaps schon begonnen hat. Die Frage ist, ob es eine Bruchlandung wird, ob mit Abschürfungen oder mit einem Polytrauma. Wir sollten uns damit abfinden, dass der Druck im Kessel hoch ist und es jetzt ein paar Freisetzungen geben muss. Mir wäre es recht, wenn das nicht in Form einer nuklearen Auseinandersetzung stattfinden würde. Aber wie es auch ausgeht: Die, die nichts haben, werden nicht so tief fallen. Es wird die Länder treffen, die aufgrund des feudalen, kolonialen Lebensstils viel angehäuft haben.

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