Die grosse Illusion» – das ist der legendäre Film des französischen Regisseurs Jean Renoir. Vor bald neunzig Jahren auf die Leinwände gekommen, erzählt er die Geschichte von Menschen, die versuchen, ihre untergehenden Werte irgendwie in die Zukunft zu retten.
Die grosse Illusion, so könnte auch die Zusammenfassung davon heissen, was sich bei einer Technologie abspielt, die seit einem halben Jahrhundert als Hoffnungsträger von morgen gilt, Milliarden an Dollar, Euro oder sonstiger Währung verschlungen hat, sich aber bisher nur in Expertenkreisen einen Namen gemacht hat: Wasserstoff. Als «Champagner der Energiewende» bezeichnet ihn etwa die Wissenschaftlerin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Doch es ist wie immer mit dem Champagner: Wenn man Lust darauf hat, ist wahrscheinlich gerade keiner da. Statt Sekt gibt es Selters.
Neue Lebensadern
Rückblende: Im Mai 2024 stellte die kurze Zeit später auseinandergefallene deutsche Bundesregierung ein Gesetz vor: Wasserstoff, so erklärte es uns der damals amtierende Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck, sei essenziell, damit Deutschland bis 2045 ein klimaneutrales Industrieland werde – also nicht mehr Dreck macht, als es auch wieder aufräumt. Dafür müsse die Infrastruktur zur Erzeugung, Speicherung und zum Import von Wasserstoff entstehen.
Und da die Industrie das aus irgendeinem Grund nicht von allein kapierte, machte die Politik in dem Fall, was sie immer macht: Sie beschloss ein Beschleunigungsgesetz. «Eine leistungsfähige Wasserstoffinfrastruktur ist von entscheidender Bedeutung für die Dekarbonisierung der Industrie, die Wasserstoffleitungen werden die Lebensadern der Industriezentren sein», sagte Habeck damals. Er sprach von Meilensteinen und hielt bei einer Pressekonferenz seine lustigen Papptafeln in die Kamera, die in diesem Fall das künftige Wasserstoffnetz in Deutschland abbildeten. Und dann beschrieb er die grosse Illusion: Es gehe darum, ausreichend Wasserstoff herzustellen, die Wasserstoffinfrastruktur auszubauen und Wasserstoffanwendungen in Industrie, Verkehr und Energieversorgung zu etablieren.
Das Vorhaben der Deutschen war ganz nach dem Geschmack der Europäischen Union. Sie hatte 2022 angesichts der russischen Invasion in der Ukraine ihr Programm «REPowerEU» ausgebrütet, um die Abhängigkeit von Energieimporten aus Russland zu beenden. Zehn Millionen Tonnen Wasserstoff sollten klimaneutral, also «grün», in der EU produziert werden, und weitere zehn Millionen Tonnen grüner Wasserstoff wollte Europa vom Rest der Welt einkaufen. Grüner, also ohne fossile Energie hergestellter Wasserstoff erschien der EU als eine der wenigen realistischen Möglichkeiten, um die Abhängigkeit von Energieimporten aus gerade unbeliebten Ländern deutlich zu senken.
Das Problem: Die EU und auch die Bundesregierung hatten sich die Welt ausgemalt, wie sie ihnen gefällt. Denn die Produktion von zehn Millionen Tonnen grünem Wasserstoff pro Jahr erfordert zum Beispiel eine installierte Elektrolyseurkapazität von rund 100 Gigawatt. Schliesslich wird mit Hilfe des Elektrolyseverfahrens der grüne Wasserstoff überhaupt erst hergestellt. 2022 gab es jedoch nur wenige Dutzend Megawatt an Elektrolyseurkapazität in Europa. Da ein Gigawatt 1000 Megawatt entspricht, bedurfte es keiner grossen Rechenkünste, um zu erkennen, dass das Ziel zumindest ambitioniert war.
Ungleichgewichte
Einer, der Anspruch und Wirklichkeit in Einklang bringen soll, ist Werner Ponikwar. Der 56-Jährige mit dem Dreitagebart und der hohen Stirn ist gerade erst als Chef von Thyssenkrupp Nucera für weitere fünf Jahre bestätigt worden. Und Thyssenkrupp Nucera ist der Teil des altehrwürdigen, aber auf unsicheren Beinen in die Zukunft wankenden Konzerns Thyssenkrupp, der weltweit führend ist beim Bau von Elektrolyseanlagen.
Ponikwar notiert zu den ambitionierten Zielen in seinem persönlichen Blog: «Die Elektrolyseurindustrie hat geliefert.» Bis Ende 2024 sei die europäische Produktionskapazität für Elektrolyseure auf 10,4 Gigawatt gestiegen. Diese rasante Expansion habe dafür gesorgt, dass die Verfügbarkeit von Elektrolyseuren nicht mehr als Hindernis für den Ausbau der Wasserstoffwirtschaft angesehen werde. Jedoch: Obwohl Europa nun über eine deutlich gestiegene Produktionskapazität verfüge, liege die aktuelle Nachfrage innerhalb des Kontinents unter einem Gigawatt pro Jahr.›››
Das Ungleichgewicht sei enorm, ein erheblicher Teil der Industrie nicht ausgelastet: «Diese Situation ist für die Hersteller untragbar, da die Anlagen bei reduzierter Kapazität nicht effizient betrieben werden können.» Sprich: Die Politik hat etwas eingefordert, die Industrie hat geliefert, nur der Markt ist nicht da. Ups.
Woran das liegt? Am «langsamen Fortschritt von Wasserstoffprojekten», schreibt Ponikwar. «Weniger Projekte als erwartet haben die endgültige Investitionsentscheidung erreicht.» Sie verheddern sich in Vorschriften wie etwa der, dass eben ausschliesslich grüner Strom zur Herstellung von grünem Wasserstoff genutzt werden darf. Was aber, wenn der Wind nicht weht und die Sonne gerade nicht scheint?
Wasserstoff-Farbenlehre
Damit kommt das zweite schmerzliche Thema ins Spiel: die Wasserstoffinfrastruktur. «Es hilft uns nicht, wenn wir in Deutschland ein Wasserstoff-Kernnetz haben, aber letztlich keine Einspeisung aus anderen Ländern bekommen», sagt Ponikwar und benennt in seiner offenen Art das nächste Problem: Die Kunden seien nicht unbedingt immer dort, wo Wasserstoff am besten produziert werden könne. Zumindest wenn es um grünen Wasserstoff geht.
Wasserstoff wird durch unterschiedliche Verfahren gewonnen. 95 Prozent des verwendeten Wasserstoffs sind bislang «grau». Das bedeutet: Er wird durch ein chemisches Verfahren aus Erdgas hergestellt. Dabei werden enorme Mengen an CO2 in die Luft geblasen. Der «blaue» Wasserstoff wird ebenfalls aus Erdgas gewonnen mit dem Unterschied, dass das CO2 abgeschieden und gespeichert wird. Norwegen ist bei dieser Technologie Vorreiter und presst heute schon CO2 in den Meeresboden. «Pinker» Wasserstoff wird mit Atomstrom hergestellt und «türkisfarbener» Wasserstoff durch Verbrennung. Bei diesem Verfahren wird Erdgas durch Erhitzung in Wasserstoff und festen Kohlenstoff aufgespalten. Künftig soll nur noch «grüner» Wasserstoff verwendet werden. Er wird durch Elektrolyse erzeugt. Das bedeutet, dass Wasser mit Strom in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten wird. Der Strom kommt aus Wind- oder Solarkraftanlagen.
Es ist aber auch dabei so, dass jene Länder die Nase vorn haben, die schon bei Öl und Gas unschlagbar sind: Regionen im arabischen Raum und in Nordafrika, wo die Sonne so unverwüstlich scheint, dass mit dauerhaftem Solarstrom Wasserstoff in rauen Mengen erzeugt werden könnte. Ihn jedoch unter Hochdruck auf Schiffe zu verladen, die dann, mit Dieselantrieb und vollgetankt mit Schweröl, den Weg nach Europa einschlagen, um hier gelöscht zu werden, versaut die Umweltbilanz des grünen Wasserstoffs. Also müssten Pipelines her. Solche sind jedoch Milliardenprojekte und müssen zudem heikle Genehmigungsverfahren durchlaufen.
Das wichtigste Projekt dabei: das sogenannte European Hydrogen Backbone, auf dessen Bau sich Algerien, Tunesien, Österreich, Deutschland und Italien geeinigt haben. Dieses «Rückgrat» besteht aus einem knapp 4000 Kilometer langen Röhrensystem, das teilweise unter dem Mittelmeer verläuft und die Wasserstoffproduktionszentren in Algerien und Tunesien mit der italienischen Insel Sizilien und Abnehmern in Österreich und Deutschland verbindet.
Nicht alles muss neu gebaut werden; etwa 65 Prozent des Netzes existiert bereits als Gasleitung. «Der südliche Wasserstoffkorridor ist eines der grössten und wichtigsten Projekte für erneuerbare Energien unserer Zeit», schwärmte Philipp Nimmermann, damals Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, als er sich zu Jahresbeginn mit anderen Projektbetreibern in Rom traf. «Wir können das immense Potenzial Nordafrikas für erneuerbare Energien nutzen, den Wasserstoffausbau in Deutschland vorantreiben und die Klimaziele der EU unterstützen.» Die Pipeline soll bei voller Auslastung mehr als 40 Prozent des EU-Ziels liefern, also jenen Import von zehn Millionen Tonnen grünem Wasserstoff.
Kosten des Transports
Nur: Algerien und Tunesien räumen ein, dass keines der beiden Länder in der Lage sein dürfte, den Brennstoff in nennenswerten Mengen herzustellen, wenn die Pipeline 2030 in Betrieb gehen soll. Sie machten bei dem Treffen in Rom klar, dass die Produktion von grünem Wasserstoff in grossem Massstab frühestens in zehn Jahren beginnen wird.
Und auch der Transport ist alles andere als trivial. Wasserstoff besteht aus kleineren Molekülen als Erdgas. Die Leitungen müssen deutlich dichter sein, um Lecks zu vermeiden. Zachary Shahan, Chefredaktor der amerikanischen Website Clean Technica, die Nachrichten zu nachhaltiger Energieversorgung sammelt, weist darauf hin, dass Wasserstoff ausserdem dreimal so viel Energie für den Transport benötigt wie Erdgas, was die Kosten nach oben treibt. Würde Algerien seine Erdgasexporte durch Wasserstoff über die vorhandene Maghreb–Europa-Pipeline ersetzen, würden die geschätzten jährlichen Transportkosten von 1,8 Milliarden Dollar auf 5,5 Milliarden steigen. Shahan zitiert Studien, wonach das Durchleiten von Wasserstoff durch Pipelines so energieintensiv ist, dass nur noch 40 Prozent der ursprünglichen Energie am anderen Ende der Pipeline ankommen. Hochspannungsgleichstrom-Netze dagegen schaffen über grosse Entfernungen 87 Prozent. Warum also nicht den Strom transportieren, fragt sich Shahan.
Europas grösste Wasserstofftankstelle
Nicht nur die Herstellung von, sondern auch die Versorgung mit Wasserstoff wirft damit bisher mehr Fragen auf, als Antworten existieren. Was auch der EU-Rechnungshof in Luxemburg so sieht: «Die Industriepolitik der EU beim erneuerbaren Wasserstoff muss einem Realitätscheck unterzogen werden», schreibt er in seinem jüngsten Bericht. Die EU-Kommission müsse konkretere Ziele setzen und «sicherstellen, dass diese sich auch verwirklichen» lassen. Es gebe entlang der gesamten Wertschöpfungskette noch Probleme. «Es drohen der Verlust von Wettbewerbsfähigkeit in Schlüsselindustrien und neue strategische Abhängigkeiten», warnen die Prüfer. Ups.
Bleibt als Drittes das Thema Anwendungen. Habeck sah sie in der Industrie, im Verkehr und in der Energieversorgung voraus. Doch auch da klemmt es. In diesen Tagen wurde in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf «Europas grösste Wasserstofftankstelle» eröffnet. Bürgermeister, Staatssekretäre und Stadtwerkebetreiber posierten für die Kamera, und Christian Hirte, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr, verkündete: «Die Eröffnung der leistungsstärksten Wasserstofftankstelle Europas ist ein starkes Signal für den Hochlauf der Wasserstoffmobilität in Deutschland.» Was er vergass zu erwähnen: Die Anzahl der Wasserstofftankstellen ist in Deutschland im Jahr 2025 gesunken. Insgesamt gab es 86 Tankstellen. Zum gleichen Zeitpunkt im März des Vorjahres waren es noch 91. Warum? Die Nachfrage fehlt. Die Brennstoffzelle ist zwar längst erfunden, aber ihr Einsatz in Autos ist unwirtschaftlich.
In der Industrie dagegen wird Wasserstoff wirklich gebraucht, etwa um Düngemittel herzustellen, als Kühlstoff oder für die Raffinierung von Mineralöl. Weltweit tankt die Industrie 95 Millionen Tonnen Wasserstoff im Jahr, in Deutschland sind es 1,7 Millionen Tonnen. Der Bedarf wird drastisch steigen, weil damit die Industrie klimaneutral werden kann.
Stahlwerke beispielsweise wollen mit Wasserstoff CO2-neutralen Stahl herstellen. Doch was für Deutschlands Stahlhersteller einst ein Strohhalm war, um die vorgeschriebene grüne Transformation zu retten, wird ihnen gerade zum Verhängnis: Hohe Wasserstoffpreise halten die Konzerne davon ab, den Stoff in ihrer Produktion einzusetzen. Machen sie das aber nicht, wackeln die Förderbescheide. Und ohne staatliche Förderung ist der Betrieb der verbliebenen Stahlwerke in Deutschland erst recht unwirtschaftlich. Stahlunternehmen sind daher in Verhandlungen mit der Bundesregierung, um die Förderbescheide flexibler zu gestalten. «Wir erwarten von der Bundesregierung eine Öffnung des bisher rigide vorgeschriebenen Wasserstoffeinsatzes, da er aus heutiger Sicht nicht zu konkurrenzfähigen Kosten und in ausreichender Menge vorhanden ist», sagt Thomas Bünger, Vorstandschef des Stahlgiganten Arcelor-Mittal.
Mehrkosten
Für den Umbau zu einer weniger umweltschädlichen Produktion haben Deutschlands Stahlkonzerne insgesamt sieben Milliarden Euro erhalten. In den einzelnen Förderbescheiden, die die Konzerne von der Bundes- und jeweiligen Landesregierung bekommen haben, steht, dass sie grünen Wasserstoff in ihre Anlagen einspeisen müssen. 145 000 Tonnen grüner Wasserstoff sind dafür im Jahr nötig, was aber ungeplante Mehrkosten in dreistelliger Millionenhöhe nach sich zieht. Die Unternehmen wollen Aufschub, manche am liebsten ganz auf den teuren Brennstoff verzichten. Ups.
Die grosse Illusion – sie wird inzwischen als solche von einigen der führenden Köpfe in der Branche erkannt. Birgitte Ringstad Vartdal ist eine von ihnen. Die Norwegerin ist Chefin des Staatsunternehmens Statkraft, Europas grösster Erzeuger erneuerbarer Energien mit 7000 Mitarbeitern. «Nachdem wir im vergangenen Jahr die Ambition für die Entwicklung von grünem Wasserstoff gesenkt haben, erleben wir nun grössere Unsicherheiten im Markthochlauf und eine sich weiter verzögernde Profitabilitätserwartung», sagt die Topmanagerin. Daher habe Statkraft beschlossen, die Neuentwicklung von grünem Wasserstoff zu stoppen: «Wir werden in Zukunft Wachstumschancen in anderen Technologien vorziehen.»
Illusion geplatzt, liesse sich zusammenfassen.

