Golf gilt als Spiel der Präzision. In Wahrheit ist es ein Beobachtungsfeld für menschliches Verhalten, besonders dann, wenn Frauen und Männer spielen.
Zwischen Tee und Grün offenbaren sich Charakter, Eitelkeit, Beziehungsmuster und gelegentlich Absichten, die mit dem Score nur am Rand zu tun haben. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind dabei ebenso offensichtlich wie amüsant. Und am Ende erstaunlich nebensächlich.
mauritius images / Alamy Stock Photos / RossHelen editorial
Seit vierzig Jahren spiele ich Golf. Mein einziges Handicap: dass ich noch keines habe.
Ich bin Passivmitglied auf dem schönsten Golfplatz der Welt, im Engadin. Früher, als ich noch in Samedan lebte, gehörte Golf selbstverständlich zu meinem Leben: eine Runde, ein Lunch, ein Aperitif, ein Abendessen.
Heute spiele ich dort, wo es mir gefällt, und so, wie es mir entspricht. Für mich ist Golf reine Meditation, eine Haltung, die mir auch im Berufsleben hilft: Entscheidungen treffen, das Beste geben und, wenn es nicht funktioniert, sofort nach vorne schauen. Nächster Versuch.
Frauen wollen, dass es für alle stimmt
Wenn ich mit Frauen am Abschlag stehe, ist sofort klar: Hier geht es nicht nur um Golf.
Es geht um Konstellationen, Stimmungen, Beziehungen. Bevor der erste Ball geschlagen wird, muss geklärt werden, wer mit wem spielt. Wer zugesagt hat. Wer vielleicht noch dazukommt. Wer nur kommt, wenn eine bestimmte andere Person auch kommt. Und wer absagt, wenn jemand kommt, der auch kommen könnte.
Das eigentliche Spiel beginnt lange vor dem ersten Tee – im Gruppenchat: «Spielen wir wirklich?» – «Wie ist die Prognose?» – «Sind wir zu dritt oder zu viert?» – «Ich spüre mich noch nicht ganz.»
Wenn ich mit Schweizerinnen spiele, lautet die allererste Frage fast immer: In welchem Klub spielst du?» Damit wäre der Status schon einmal geklärt.
Golf ist für Frauen kein reiner Sport. Es ist ein soziales Ereignis mit sportlicher Nebenhandlung.
Männer spielen gegen den Platz. Frauen spielen miteinander.
Während Männer ihre Energie in Technik und Schlag investieren, investieren Frauen sie in Atmosphäre. Stimmt die Stimmung nicht, leidet der Schwung. Ein schiefer Blick wirkt nachhaltiger als ein Wasserhindernis, ein falscher Tonfall nachhaltiger als ein Drei-Putt.
Zentral ist dabei die Kleidung. Golfkleidung ist für Frauen kein Outfit, sie ist Kommunikation. Eine Botschaft an die Mitspielerinnen, an den Klub, an das Umfeld. Und an jenen einen oder anderen Flight, der zufällig in Sichtweite ist. Der Golfplatz ist schliesslich nicht nur Spielfeld, sondern auch Akquisefeld. Man weiss ja nie.
Golf ist für Frauen kein reiner Sport. Es ist ein soziales Ereignis mit sportlicher Nebenhandlung.
Abgewogen wird präzise: sportlich, aber nicht bemüht. Weiblich, aber nicht offensichtlich. Figurnah, aber bitte nicht anzüglich, ausser vielleicht minimal. Man möchte Kompetenz ausstrahlen, Stil, Selbstverständlichkeit. Und unterschwellig signalisieren: Ich spiele Golf. Und ich weiss, wer ich bin.
Männer tragen Funktionskleidung. Frauen treffen Entscheidungen.
Golfkleidung muss alles zugleich leisten: Bewegungsfreiheit, Status, Stil – und eine diskrete Offenheit für Möglichkeiten. Ohne sichtbar kalkuliert zu wirken. Was selbstverständlich genau das Gegenteil der Wahrheit ist.
Frauen sind nicht weniger ehrgeizig als Männer. Sie zeigen es nur anders. Männer wollen gewinnen. Frauen wollen, dass es für alle stimmt. Und wenn es für alle stimmt, ist es auch egal, wenn der Ball im Rough liegt. Fast egal.
Wer nach dieser Erfahrung mit Männern spielt, merkt rasch: Hier geht es plötzlich nur noch um Golf. Oder zumindest fast.
Männer sind auf dem Platz die grösseren Nerds. Sie verlieren jedes Zeitgefühl und gewinnen dafür ein erstaunliches Mass an innerer Erregung. Der Jagdtrieb, dieses tiefe Bedürfnis nach Kontrolle und Überlegenheit, zeigt sich zwischen Tee und Grün besonders unverstellt.
«Ich hätte ihn gefunden»
Am nervigsten sind jene Männer, deren Talent in keinem Verhältnis zu ihrem Analysebedürfnis steht. Jeder verfehlte Schlag wird seziert: Wind, Fahnenposition, Bodenbeschaffenheit, mentale Verfassung. Am Ende ist alles schuld, ausser der Spieler selbst.
Unverzichtbarer Bestandteil dieses Rituals ist die Ballsuche. Der Ball liegt im Rough, jenseits jeder Hoffnung. Jeder im Flight weiss: Der ist verloren. Aber gesucht wird trotzdem. Mit Ernst, mit Ehrgeiz, mit theatralischem Einsatz. Bis man schliesslich, nach dezentem Drängen, einen neuen Ball droppt und sagt: «Ich hätte ihn gefunden.»
Im Cart werden Männer zu Buben. Es wird gelacht, verglichen, geflachst. Der Ernst des Lebens bleibt am Tee zurück. Ich nehme das wohlwollend zur Kenntnis und konzentriere mich lieber auf meinen nächsten Schlag.
Ein weiterer Vorteil des Spiels mit Männern: Verbindlichkeit. Ein Termin ist ein Termin. Keine endlosen Nachrichten, keine Wetterdebatten, keine Befindlichkeitsupdates. Wer im Flight ist, spielt eine untergeordnete Rolle. Hauptsache, man spielt.
Fazit: Am Ende sind sich Männer und Frauen auf dem Golfplatz erstaunlich ähnlich: Beide wollen spielen. Beide wollen gut sein.
Dass dabei am Ende alle ungefähr gleich scheitern, gehört zur grössten Ehrlichkeit dieses Sports.
Der Unterschied liegt im Umgang damit. Männer geben dem Platz die Schuld.
Frauen sich selbst. Oder der Gruppe. Oder dem Outfit.
Silvia Affolter ist Journalistin und Moderatorin.

