Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte die Welt einen beispiellosen Erdölboom. Binnen weniger Jahre machte sich nahezu die gesamte Menschheit abhängig von jenem Rohstoff, der nicht umsonst «Schwarzes Gold» genannt wird. In den westlichen Industriestaaten folgte auf die Zerstörungen des Kriegs ein rascher wirtschaftlicher Aufschwung. Ein neuer Lebensstil hielt Einzug – komfortabler, mobiler, energiehungriger. Diese Energie musste in nie dagewesener Menge bereitgestellt werden.
ETH-Bibliothek Z¸rich, Bildarchiv / Fotograf: Heim, Arnold / Dia_023g-013 / CC BY-SA 4.0
Dass Erdöl dabei zum Motor des Wirtschaftswunders wurde, war kein Zufall. Zwar ist seine Erschliessung teuer, doch sobald ein Feld gefunden und eröffnet wird, lohnt sich dessen vollständige Ausbeutung. Hinzu kommt: Pro Gewichtseinheit liefert Erdöl fast eineinhalbmal so viel Verbrennungsenergie wie Kohle, seine Energiedichte ist also deutlich höher. Sein flüssiger Aggregatzustand macht es zudem leichter, das Erdöl zu fördern, zu transportieren und es vielseitig einzusetzen: als Treib- und Brennstoff, in der Landwirtschaft, der Pharmazie, der Petrochemie und in der Industrie insgesamt.
«Swiss Gang» in fremden Diensten
Doch die Erfolgsgeschichte nach 1945 lässt sich nicht allein durch diese Eigenschaften erklären. Ihr Fundament wurde schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelegt – mit technischen Innovationen, dem Aufbau von Infrastrukturen und der Ausbildung hochqualifizierter Fachkräfte. Hier hatten Schweizer Geologen und Techniker einen überraschend grossen Anteil.
Seit der Jahrhundertwende zog es sie hinaus in die Welt: Schweizer Geologen, die für ausländische Gesellschaften nach Öl suchten – und es im Erfolgsfall auch förderten. Ab dem späten 19. Jahrhundert wurde Erdöl zu einem strategisch wichtigen Rohstoff, zunächst für die Beleuchtung (Petroleum), dann für die aufkommende Automobil- und die Kriegsindustrie. Mit der damit einhergehenden Expansion der Erdölindustrie stieg der Bedarf an erfahrenen Fachkräften rapide. Unternehmen, staatliche wie private, rekrutierten weltweit – und hatten die Schweizer besonders im Blick. Sie galten als hervorragend ausgebildet, als abenteuerlustig, als Männer (und wenige Frauen) mit Entdeckerdrang. Zudem entstammten sie einem neutralen Land, was ihnen in der postkolonialen Zeit in vielen Regionen politisch zugutekam. Bald sprach man in der Branche von der «Swiss Gang».
Die amerikanische Erdölindustrie nahm sowohl im eigenen Land als auch weltweit eine Vorreiterrolle bei der Suche nach und der Förderung von Erdöl ein. Nach 1900 entstanden neue Gesellschaften, und es wurden in zunehmendem Mass neue Fördergebiete erschlossen: zunächst vor allem – und für die Schweiz von besonderer Bedeutung – in der niederländischen Kolonie Niederländisch-Ostindien, dem heutigen Indonesien, darüber hinaus aber auch in Osteuropa, in verschiedenen Regionen Nord-, Mittel- und Südamerikas sowie in der Karibik. Da die Niederlande keine Fachkräfte auf diesem Gebiet ausbildeten, suchten sie gezielt über Zeitungsinserate nach Schweizer Geologen, um diese Aufgaben zu übernehmen.
Erkenntnisse aus Alpen und Jura
An Schweizer Universitäten begannen sich zu diesem Zeitpunkt Zentren der Fachausbildung zu etablieren: in Zürich durch Albert Heim und Ulrich Grubenmann, später Rudolf Staub und Paul Niggli; in Basel durch Carl Schmidt, August Buxtorf und Heinrich Preiswerk; in Bern etwas später durch Paul Arbenz. Fast alle angehenden Erdölgeologen jener Epoche durchliefen eine oder mehrere dieser Schulen. Separate Institute für Geologie, Kristallographie und Petrographie trieben die wissenschaftliche Entwicklung der Disziplinen voran.
Das Land bot dafür beste Voraussetzungen. Alpen und Jura lieferten Anschauungsmaterial in Hülle und Fülle – besonders wertvoll in einer Zeit, in der seismische Explorationen noch unbekannt waren. Die Geometrie des Untergrunds musste anhand präziser Kartierung der Oberfläche erschlossen werden. Gefragt waren nicht nur theoretisches Wissen, sondern auch Kreativität und die Bereitschaft, sich auf das Unbekannte einzulassen: auf entlegene Gebiete, extremes Klima, karge Lebensverhältnisse. Ergänzt wurde diese Expertise im Feld durch Rückgriff auf das Wissen lokaler Lohnarbeiter und -arbeiterinnen und Guides.
Wie wenig die Ausbildung zu Hause allerdings mit der eigentlichen Feldarbeit zu tun hatte, zeigt ein Zitat des jungen Eduard Blösch, der ab 1910 in Oklahoma (USA) als Erdölgeologe tätig war: «Meine Arbeit in Oklahoma, die an der Kansas-Linie begann, erwies sich als sehr verschieden von dem, was ich zuvor in der Schweiz getan hatte. Wegen der schlechten Strassen konnten die meisten Gebiete nur durch Zelten bearbeitet werden; ich musste lernen, mit Pferden umzugehen. Ich musste [. . .] mich auch mit den Bohr- und Fördermethoden vertraut machen. Über die allgemeine Geologie des Gebietes war sehr wenig bekannt, und dieser Mangel an Informationen machte es erforderlich, Schichten über weite Strecken zu verfolgen, Schnitte zu messen usw.»
Arnold Heim und Hans Hirschi
Die Schweizer Geologen waren dabei geradezu gezwungen, ins Ausland zu gehen. In der Schweiz gab es für angehende Geologen kaum Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten – wollten sie nicht als Lehrer arbeiten, war das Anheuern bei ausländischen Unternehmen fast die einzige Perspektive.
Noch vor 1920 waren rund fünfzig Schweizer Ölgeologen auf allen Kontinenten im Einsatz. Manche Territorien oder sogar Unternehmen wurden dabei gleichsam «weitervererbt»: Hatte ein Schweizer Fuss gefasst, folgten bald weitere. Damit traten sie in fremde Dienste ein – und damit in den Dienst von Kolonialmächten – und wurden so zu Teilhabern an der Ausbeutung kostbarer Rohstoffe. Die daraus erwirtschafteten Gewinne flossen indes nicht in die Fördergebiete, sondern in die Metropolen des globalen Nordens. Ob sich die Schweizer dieser Zusammenhänge damals bewusst waren, lässt sich nur schwer beurteilen.
Einer der Ersten, die das Land verliessen, war der Basler Carl Schmidt, hochgeachtet und später als Mentor einer ganzen Generation bekannt. Er trat in den Dienst der Royal Dutch Petroleum Company – und nach ihm kamen Dutzende Schweizer.
Zu ihnen gehörte Josef Erb, der eine beeindruckende Karriere bei Royal Dutch Shell machte. 1900, auf Empfehlung seines Lehrers Albert Heim, reiste er nach Sumatra, betrieb petrogeologische Erkundungen und trat in den Dienst des Unternehmens ein. Nach der Fusion der Royal Dutch Petroleum Company mit der britischen Shell Transport and Trading Company 1907 wurde Erb Leiter des Geologischen Diensts. Er verantwortete nicht nur die Erschliessung neuer Felder, sondern auch die geologische Optimierung bestehender Förderstätten. Zudem verhandelte er Konzessionen und sondierte neue Explorationsgebiete. Als Wissenschaftler hinterliess er kaum Publikationen – seine Position erlaubte keine Veröffentlichungen –, doch er prägte das Fach und ebnete Landsleuten den Weg. Nach 1960 wurde es bei Shell fast zur Tradition, einen Schweizer als Chefgeologen zu ernennen.
Der wohl bekannteste Schweizer Erdölgeologe jedoch war Arnold Heim. Sein Fachwissen – erworben in fast fünf Jahrzehnten im Dienst internationaler Erdölgesellschaften oder auf eigene Faust unterwegs – machte ihn zu einer führenden Persönlichkeit seiner Zeit. In die Geologie eingeführt hatte ihn sein Vater Albert Heim, selber kein Erdölgeologe, und Hans Hirschi – Mentor, Freund und erfahrener Praktiker.
Hirschi war 1901 gemeinsam mit seinem Studienkollegen Josef Erb ins Ausland gegangen und hatte auf Borneo, Sumatra, in den Amerikas und im Iran gearbeitet – teils als leitender Geologe, teils als unabhängiger Experte. Als Chefgeologe konnte er seine Mitarbeiter auswählen und setzte so die Tradition fort, Landsleute zu fördern.
Als er in Oklahoma in den USA tätig war, versuchte Hirschi, Heim für die Region anzuwerben. Anfangs lehnte Heim das Angebot ab – er war in Indien gebunden. Ende 1912 folgte er dann doch, noch unsicher in seiner beruflichen Ausrichtung. Eine akademische Laufbahn hatte er trotz Habilitation abgelehnt – sehr zum Bedauern seines Vaters. Stattdessen unternahm er Expeditionen nach Sumatra, Oklahoma und Kalifornien, um Förderungen zu überwachen. Während des Ersten Weltkriegs kehrte er in die Schweiz zurück und prüfte im Auftrag einer Schweizer Ingenieurgesellschaft mögliche Ölreserven im eigenen Land – ausgelöst durch die schwierige Versorgungslage.
Ökonomische Notwendigkeit
Mitte der 1920er Jahre erhielt Heim ein verlockendes Angebot aus London: Er sollte eine sechzigköpfige Expedition leiten, die im Persischen Golf nach Öl und Erzen suchen sollte – in Kuwait, al-Hasa (im heutigen Saudi-Arabien) und Bahrain. Damals konzentrierte sich die Branche noch auf Niederländisch-Indien, die Antillen sowie Teile Nord- und Südamerikas; die arabische Halbinsel galt als weitgehend unerforscht.
In seinen Tagebüchern beschreibt Heim Tagesmärsche von bis zu fünfzig Kilometern, oft auf Kamelrücken, das Sammeln und Skizzieren von Gesteinsproben, das Vermessen von Schichtfolgen – alles unter widrigsten Bedingungen. Zwei Monate lang suchte Heim unter extremen klimatischen Bedingungen. Öl fand er nicht, doch er identifizierte potenzielle Standorte für ergiebige Trinkwasserbrunnen in Bahrain – ein Glücksfall für die Region. Schon wenige Wochen nach seiner Ankunft begannen erste Bohrungen. Heim analysierte Quellen, bestimmte ihre Ergiebigkeit und Temperatur und wählte Bohrstandorte aus, die sich als erfolgreich erwiesen.
Erdölfunde jedoch liessen auf sich warten. Heim zeigte sich dennoch optimistisch, was das Öl betraf; so meinte er, es sei «noch nicht das letzte Wort gesprochen». Er sollte recht behalten, allerdings erst vierzehn Jahre später – Heim war längst abgereist, – als man in Saudi-Arabien auf reiche Vorkommen stiess. In die Geschichte als «Vater des arabischen Öls» eingegangen ist denn auch nicht Arnold Heim, sondern der Neuseeländer Frank Holmes.
Für die Geologen des frühen 20. Jahrhunderts stellte der Einstieg in die Erdölsuche zunächst eine ökonomische Notwendigkeit dar: Wer in der geologischen Profession bestehen wollte, musste sich den wachsenden Anforderungen der aufstrebenden Ölindustrie anpassen. Doch diese Situation hat sich grundlegend gewandelt. Die einst zentrale Rolle der Erdölgeologie hat im Laufe der Zeit aus vielerlei Gründen an Bedeutung verloren. Zum einen hat die weitreichende Technologisierung der Erdölprospektion dazu geführt, dass geologische Expertise längst nicht mehr zwingend mit Expeditionen in ferne Länder verbunden ist. An die Stelle abenteuerlicher Reisen trat zunehmend eine Arbeit, die in hohem Mass auf technologische Instrumente, Fernsteuerung und Datenverarbeitung angewiesen ist.
Heute sitzen Geologinnen und Geologen in ihren Schweizer Büros und analysieren die seismischen Profile potenzieller «Offshore-Bohrstellen». Die praktische Durchführung der Messungen erfolgt dabei durch spezialisierte Schiffe, die auf hoher See zum Einsatz kommen. Von den Schiffen abgefeuerte Luftdruckkanonen senden Schallwellen bis 4000 Meter tief in die Erdkruste, deren Reflexionen von an langen Kabeln befestigten Sensoren erfasst werden. Auf Grundlage der so gewonnenen Daten entsteht im Büro am Computer ein präzises dreidimensionales Bild des Untergrunds. Zeigen die Auswertungen Anzeichen für sogenannte Fallen – also geologische Strukturen, in denen sich Erdöl oder Erdgas anreichern könnte –, geben die Geologinnen und Geologen den Unternehmen Empfehlungen für Versuchsbohrungen.
Das Ende von «Big Oil»
Diese rein technologische Verschiebung erklärt jedoch nur teilweise den Bedeutungsverlust der klassischen Erdölgeologie. Hinzu kommt, dass das Erdöl, der einst strategisch wichtigste Rohstoff des 20. Jahrhunderts, im Zuge globaler Debatten über Energietransition und die fortschreitende Klimakrise an Relevanz eingebüsst hat. Der Nimbus einer scheinbar unerschöpflichen und stabilen Energiequelle ist verschwunden. Der Sektor ist zwar weiterhin von zentraler ökonomischer Bedeutung, Macht und Strahlkraft erscheinen jedoch unwiederbringlich geschwächt. In der Verschiebung von der handfesten Feldarbeit des frühen 20. Jahrhunderts zur datenbasierten Analyse im klimatisierten Büro spiegelt sich also nicht nur ein technologischer Wandel, sondern auch das Ende einer Ära, in der Erdöl als Symbol von Wohlstand, Fortschritt und globaler Ordnung galt. Die «goldenen Jahrzehnte» der Erdölindustrie sind unwiderruflich vorbei.
Dr. Monika Gisler ist Historikerin, sie betreibt in Zürich das Büro «Unternehmen Geschichte» und ist Autorin von «Swiss Gang», Band 97 der Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik».
