Es braucht schon etwas Zeit und ein wenig Gefühl für die Mechanik, wenn man den zarten Schalthebel vom ersten in den zweiten Gang führt. Die Zwangssynchronisierung braucht einen Moment, um die Zahnräder in Einklang zu bringen. Was in einem modernen Wagen ein No-Go wäre, sofern man überhaupt noch einen mit einer Handschaltung findet, ist hier Teil des Erlebnisses. Schliesslich ist das Mercedes-Benz 300 SL mit den ikonischen Flügeltüren gut siebzig Jahre alt. Ein Fakt, den man gerne vergisst. Denn der Flügeltürer seiner Zeit immer schon voraus.
Deniz Calagan
Geschichte erlebbar machen
Schauplatz ist das Bernina Gran Turismo. Ein Bergrennen, das seit 2015 als Huldigung an das historische Vorbild von 1929 wieder ausgetragen wird. Damals jagten die mutigen Piloten im Rahmen der St. Moritzer Automobilwoche den Berg hinauf. Damals wie heute lockt die Rezeptur aus hochkarätigen Boliden und malerischer Kulisse zahlreiche Automobilbegeisterte ins Engadin. Aus professioneller Motivation ist das Team von Mercedes-Benz Heritage angereist.
Seit 2023 bündelt der Autobauer sämtliche Aktivitäten rund um seine Historie in der Mercedes-Benz Heritage GmbH. Diese kümmert sich um die Restauration und den Unterhalt von Kundenfahrzeugen, das Ersatzteilgeschäft für die Klassiker, aber auch um das Marken-Museum in Stuttgart inklusive der dazugehörigen Sammlung. Diese umfasst rund 1200 Fahrzeuge – Tendenz steigend. «Wir möchten von jedem Modell das letzte Auto, das vom Band rollt, in einer typischen Ausstattung in unsere Sammlung holen», sagt Marcus Breitschwerdt, der die Heritage-Abteilung leitet. Zu ausgewählten Veranstaltungen holt Mercedes Klassiker aus der Garage und macht damit die Geschichte der Marke erlebbar. «Genau das macht eine Marke aus», so der Heritage-Chef. Gerade in einer Zeit, in der viele neue Hersteller auf den Markt drängen, ist es für einen etablierten Hersteller wie Mercedes entscheidend, diese über die Jahrzehnte gefestigten Werte zu etablieren.
Der 300 SL – die Nomenklatur deutet auf drei Liter Hubraum und die Auslegung «super-leicht» hin – war damals eine Demonstration des technisch Machbaren. Er baut auf einem Gitterrohrrahmen wie echte Rennwagen auf, was für das geringe Leergewicht von 1295 kg sorgt. Und der Sechszylinder-Reihenmotor verfügte über eine Benzin-Direkteinspritzung. Eine Technik, die erst in den 2000er Jahren flächendeckend Verwendung fand. Seine 215 PS müssen sich damals absurd stark angefühlt haben; zum Vergleich: Ein VW Käfer war zu dieser Zeit mit 30 PS unterwegs und maximal 105 km/h schnell. Der Flügeltürer bringt es auf stolze 260 km/h.
Autofahren als Abenteuer
Heute fühlt sich die Ikone nicht mehr rasend schnell an. Vielmehr steht sie für eine Ära, in der Autofahren noch ein Abenteuer war und gleichzeitig die grosse Freiheit verkörperte. Der Motor röhrt, wenn er sich die dünne Bergluft in den Zylinderkopf saugt und den «Flügel» mit beachtlichem Tempo aus der Kurve zieht. Die Lenkung verlangt Gefühl, weil die Befehle längst nicht so direkt umgesetzt werden, wie man es von modernen Sportwagen kennt. Und die Bremse will mit Nachdruck bedient werden. Kurzum: Wer lenkt, sollte sich dieser Tätigkeit mit vollem Bewusstsein widmen. Schon nur, weil ein 300 SL, der zwischen 1954 und 1957 1400 Mal für 29.000 Deutsche Mark verkauft wurde, heute mindestens 1,5 Millionen Franken kostet.
Der 300 SL Flügeltürer zählt zweifellos zu den faszinierendsten Autos, die je gebaut wurden. Und sie dient auch heute noch als Vorbild. Als Massstab für das, was ein Auto mit Stern verkörpern sollte.