Die Zahl in Umlauf gebracht hatte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). «Der Baumbestand in Deutschland schrumpft weiter dramatisch: Mehr als 900 000 Hektar Fläche gingen seit Herbst 2017 verloren», heisst es. 9000 Quadratkilometer, über 8 Prozent der gesamten Waldfläche der Bundesrepublik. Wo ist er hin, der ganze Wald? Entlaufen? Es wird um schonendes Anhalten gebeten. So klein und unauffällig ist er ja nicht, der ganze Haufen Holz, da müsste einer darüber gestolpert sein.
Credit: Daniel Beckemeier / Alamy Stock Photo
Oder wurde schlicht alles zugebaut? Tatsächlich, in den letzten dreissig Jahren hat in Deutschland die Fläche für Siedlung und Verkehr um fast 12 000 Quadratkilometer zugenommen – allerdings zu weiten Teilen zu Lasten der landwirtschaftlich genutzten Fläche. Also Fehlanzeige.
Nur Abnahmen erfasst
Forstwissenschaftler und Historiker sagen sowieso etwas anderes. Vom Mittelalter bis etwa 1900 war die Waldfläche weitgehend konstant und lag bei gut 90 000 Quadratkilometern. Bis 1940 nahm die Fläche deutlich zu. Braunkohle ersetzte Holz als Hauptenergielieferanten, und dank Kunstdünger stiegen die landwirtschaftlichen Erträge. Der Nutzungsdruck auf den Wald nahm ab.
Mit dem Zweiten Weltkrieg ging’s ihm wieder an den Kragen. Zunächst durch Kriegswirtschaft und Kampfhandlungen. Später wurden für Reparationsleistungen rund 10 Prozent der gesamten Waldfläche abgeholzt. Die Blössen wurden allerdings wieder bepflanzt, und die heutige Waldfläche ist mit 115 000 Quadratkilometern grösser als je in den letzten 500 Jahren.
Die Forscher beim DLR sind keine Forstleute, und so geraten Begrifflichkeiten auch mal durcheinander. Untersucht wurde nicht die Waldfläche, sondern der Kronendeckungsgrad; auch Kronenschluss genannt. Er ist definiert als Flächenanteil, der durch die Kronenprojektion bedeckt ist. Er nimmt zu, wenn der Wald dichter wird. Wenn sich der Baumbestand lichtet, nimmt er ab. Da haben wir’s. Nicht die Waldfläche ist futsch, sondern die Bäume. Als Waldsterben kann man das wohl allemal bezeichnen. Auch die Auslöser wurden benannt: Stürme, Trockenheit und Schädlinge. Also der Klimawandel. Menschengemacht, versteht sich. Um den Weltenbrand abzuwehren, mag eine kleine Flunkerei eine lässliche Sünde sein. Unschön ist nur, dass sich die Untersuchung einzig auf eine Auswertung von Satellitendaten stützt. Über Ursachen und Gründe lassen die Daten keinen Schluss zu.
Wenn eine offene Fläche bepflanzt wird, bedecken die wachsenden Bäume immer mehr Fläche, und der Kronenschluss nimmt zu. In der sogenannten Optimalphase ist der Wald dicht und geschlossen. Die erreicht er etwa im Alter von 80 bis 120 Jahren. Dann sterben immer mehr Bäume ab, und der Kronendeckungsgrad wird kleiner. Zerfall ist ein ganz natürlicher Prozess in der Waldentwicklung. Dem kommt der Mensch zuvor, er nutzt das Holz. Auch durch die Holzernte nimmt der Kronenschluss ab. Solche Flächen sind allerdings nicht entwaldet, sondern bleiben dank Bepflanzung oder Naturverjüngung als Waldfläche erhalten.
In Deutschland gibt es etwa 7000 Quadratkilometer Waldreservate. Der allergrösste Teil wurde aus der Nutzung genommen und ist dem Zerfall überlassen. Das heisst, der Kronenschluss wird zunächst kleiner, bevor neue Verjüngung wieder zu einer Zunahme führt. Es gab in den letzten Jahren durchaus einige Regionen, wo vor allem Fichtenbestände grossflächig abgestorben sind. Das bedeutet einen grossen wirtschaftlichen Schaden. Die Natur hat damit kein Problem, die Offenflächen wachsen einfach wieder zu.
Das DLR widmet sich eigentlich der Erforschung und Entwicklung von Luftfahrt, Raumfahrt, Energie und Verkehr. Der Aufgabenbeschrieb klingt nach spröder Forschungsroutine. Vielleicht wollte die graue Maus auch einfach mal einen Tabledance hinlegen. Aufmerksamkeit und Schlagzeilen waren ihr gewiss. Den Geboten des Alarmismus folgend, wurden nur Abnahmen, aber keine Zunahmen erfasst. Verlorengegangen ist nicht der Wald, sondern das wissenschaftliche Niveau. Das lässt sich leider nicht mit Satellitendaten ausloten.
Marcel Züger ist Biologe an der ETH und Inhaber der Umweltdienstleistungsfirma Pro Valladas in Salouf.

