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Winter – eingenistet in Aug und Mund

Bücher der Woche

Winter – eingenistet in Aug und Mund

Katrin Askan: Dichter – Roman einer Freundschaft. Elsinor. 400 S., Fr. 39.90

Keine Figur in diesem Roman ist erfunden. Jede trägt ihren wirklichen Namen. Die beiden zentralen sind am Ende tot, nach einer 75 Jahre währenden Freundschaft. Einer Freundschaft, die einen der sensibelsten deutschen Dichter des 20. Jahrhunderts aus der Hölle seiner Verzweiflung, aus Missachtung und Verkennung letztlich ins Licht gebracht hat: Johannes Kühn. Sein getreuer Freund und Beschützer: Benno Rech.

Johannes-Kühn-Gesellschaft/Hasborn
Dann das Sich-selbst-Totschweigen: Dichter Kühn (1934–2023).
Johannes-Kühn-Gesellschaft/Hasborn

Katrin Askan lernte die realen Vorbilder ihrer Hauptfiguren in den Neunzigerjahren bei einer Tagung von Literaten kennen. Drei Ebenen wechseln sich in ihrem Roman ab. Einmal die chronologische Schilderung des Geschehens von 1948 bis 1993. Dann in Ich-Form Reflexionen der Autorin, während der Roman entsteht. Auf der dritten Ebene behandelt eine vorgebliche KI historische Sachgebiete oder neurologische Belange in kurzen Abhandlungen – wobei offenbleibt, ob die Autorin nicht die KI imitiert.

 

Verfolgungswahn und Verzweiflung

Dreizehn, vierzehn Jahre alt sind die beiden Männer zu Beginn ihrer Freundschaft. Fast neunzig, wenn sie sterben. Der Ältere, Johannes Kühn, zuerst, elf Monate später der um ein Jahr jüngere Benno Rech, der den Freund nun nicht mehr beschützen muss. Durch all die Jahrzehnte war er so treu und geduldig wie einstmals der Tübinger Schreinermeister Zimmer mit dem tobenden Hölderlin, als dessen Wiedergänger sich Johannes Kühn empfindet. Benno Rech bleibt seiner selbstauferlegten Pflicht treu, den Jugendfreund auch in dessen dunkelsten Stunden nie zu verlassen.

Unterstützt wird er von seiner Frau Irmgard. Das ist lange Zeit nicht leicht für die junge Frau. Und doch gelingt dem Paar, ein Leben lang eine ungewöhnlich glückliche Ehe zu führen, samt der liebevollen Erziehung ihrer Kinder. Beide Rechs sind herausragende Pädagogen am Gymnasium. Dafür verzichtet Benno auf eine Karriere an der Universität.

Die lebenslangen Freunde Benno und Johannes, beide Söhne von mehr oder weniger «bildungsfernen» Bergarbeitern, besuchen in der Nachkriegszeit die Missionsschule. In heimlichen Waldwanderungen, in verbotenen Erkundungen des Nachbardorfes praktizieren sie eine andere Frömmigkeit, eine jenseits der strengen Erziehung mit rigiden Regeln samt Schweigegebot. Sie bleiben miteinander verbunden, als Benno auf ein Gymnasium wechselt.

Der lebensfrohe, ja, extrovertierte Johannes verpuppt sich vom selbstbewussten Epheben, der tanzt und raucht und gern und viel trinkt, gar eine Schauspielausbildung absolviert, in den lernhungrigen inoffiziellen Studenten (das Geld für die Gebühren fehlt ihm), der manisch seine saarländische Heimat durchwandert. Er erfährt vorübergehend in Salzburg Anerkennung als Jungdramatiker, verpuppt sich wiederum, diesmal in den zu harter Brotarbeit genötigten Bauarbeiter und Fleischtransport-Beifahrer und gleichzeitig in den besessenen Verfasser Tausender von Gedichten.

Und mit der aufflammenden Seelenkrankheit versinkt er, gepeinigt von Verfolgungswahn und der Verzweiflung des verkannten Dichters, in ein jahrelanges Verstummen. Er zieht sich zurück in ultimative Verweigerung, verkommt, wäscht sich nicht mehr, trinkt. Er wird zum Schreckgespenst der Region, wenn er im Café vor sich hinstiert. In jenem Café, das ihm dann eines Tages mit Rücksicht auf andere Gäste Hausverbot erteilt. Immer wieder wird er ins Landeskrankenhaus in Merzig gebracht – in die Irrenanstalt.

«Es hat sich der Winter eingenistet in Aug und Mund.»

Und dann doch die Erlösung, die sich zeigt als gelinde Gesundung bei aufstrahlendem Erfolg. Immer an seiner Seite Benno, ohne den Johannes auch als Gefeierter bis an sein Lebensende nicht mehr in der Öffentlichkeit auftritt. Immer ist er umrahmt, beschützt und abgeschirmt von Benno und Irmgard. Der Lebensfreund ist Korrektor, Lektor, Sekretär, Agent. Kein Buch von Johannes erscheint, dessen Herausgeber nicht Benno und Irmgard Rech sind.

In all den Facetten folgt Katrin Askan, streng darauf bedacht, nichts zu erfinden, der Realität. Von einer brutalen Szene hofft man, sie sei vielleicht doch erfunden. Wenn sie aber wahr ist in der Darstellung des grauenhaften Schocks für den hilflos um seine zärtliche Liebe Gebrachten, dann ist die Zerstörung der hauchdünnen Membrane der Dichterseele allein schon Grund zum jahrelangen Verstummen. Johannes Kühn schweigt von dem Tag an. Schweigt in Wort und Blick und Schrift. Für fast ein Jahrzehnt.

«Es hat sich der Winter eingenistet in Aug und Mund.»

 

Beherzter Rezitator

Zuvor kam der «verrückte Dichter» zu einer gewissen Bekanntheit in seiner Heimat. Noch allerdings ist der «Durchbruch» fern. Andernorts begeistern sich im Geist von 1968 jene am Rausch des Neuen, die sich zur Avantgarde aufgerufen fühlen. In dieser zukunftsbetörten Überhitztheit hat ein Dichter mit einer alten Vorstellung von beseelter Inspiration wahrlich schlechte Karten: «Ich fand für mein Herz einen Mittag. Libellen, die blauen Nadeln der Luft, über den Wiesen lautlos nähten.»

Wo der Zeitgeist zuschlägt, da wächst kein Gras mehr. Immerhin: Johannes Kühn lässt sich anregen und schreibt auch Gedichte aus der Welt der Arbeiter, die er nach Jahren als Bauarbeiter wohl besser kennt als manch schulterklopfender Animator. Beherzt tritt er als Rezitator seiner Gedichte auf vor den fortschrittsbewegten Kiffern in den Afghanenmänteln. Bis die erwähnte Katastrophe geschieht. Dann das Sich-selbst-Totschweigen.

Die Zeiten aber wandeln sich. Und endlich entdecken Peter Handke, Peter Rühmkorf, Reiner Kunze und Michael Krüger den Dichter Johannes Kühn. Um den wichtigsten Kontakt, den zum Hanser Verlag, macht sich besonders der Freund und Hanser-Autor Ludwig Harig verdient.

«Wenn Du geboren bist unter Handwerkern, wo der eingeschlagene Nagel gilt, dann wag kein Gedicht zu schreiben – oder du wirst in ein Lager gesperrt, umzäunt von Hohngelächter.

Was einer auch über mich geschüttet, Spott. Ich ging in die grüne Fährte der Sommerwetter und atmete mich frei.»

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